Pip Culbert und Gerhard Hoehme: Something Old, Something New, Something Borrowed
Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes. Der Titel spielt auf eine englische Redewendung an, die traditionell für Glück, Erinnerung und einen Neubeginn steht. Genau darum geht es in dieser Ausstellung.
Beide Künstler arbeiten mit bereits vorhandenem Material. Sie eignen es sich an, verändern es, reduzieren es und verschieben seine Bedeutung. Nichts entsteht aus dem Nichts. Das Alte wird nicht ersetzt, sondern verwandelt. Was bleibt, sind Spuren seiner Geschichte – und zugleich etwas radikal Neues.
Zum ersten Mal werden die Arbeiten von Pip Culbert (1938–2016) und Gerhard Hoehme (1920–1989) in einer gemeinsamen Ausstellung zusammengeführt. Auf den ersten Blick scheint ihre Kunst wenig miteinander zu verbinden. Culbert arbeitet mit Hemden, Taschen, Zelten oder Textilien, während Hoehme mit Farbe, Schnüren und Kunststoffschläuchen sowie den dazugehörigen Zeichnungen arbeitet. Und doch verbindet beide ein ähnlicher künstlerischer Ansatz: Sie lösen Materialien aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und verleihen ihnen eine neue Existenz. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Objekt selbst, sondern seine Struktur, seine Spannung und sein Verhältnis zum Raum.
Pip Culbert entfernt konsequent alles Überflüssige. Von Kleidungsstücken bleiben Nähte, Linien und fragile Gerüste zurück. Was einst funktional war, wird zu einer offenen Zeichnung im Raum. Sie selbst beschreibt diesen Prozess als Dekonstruktion und Rekonstruktion:
„Ich begann, das Gewebe von gefundenen Kleidungsstücken, Planen und Ähnlichem wegzuschneiden, sodass die Nähte erhalten blieben. [...] Die Zerstörung des textilen Objekts erzeugt das Bedürfnis nach einem System, obwohl das Chaos an sich zur Struktur tendiert.“
Ihre Arbeiten bewegen sich an den Grenzen zwischen Skulptur, Zeichnung und Architektur. Sie kehren das Innen und Außen um, machen Verborgenes sichtbar und stellen unsere Vorstellungen davon infrage, welche Seite eines Objekts die „richtige“ oder die „falsche“ ist.
Auch Gerhard Hoehme verstand das Bild nie als in sich geschlossene Fläche. Seit den späten 1950er-Jahren löste er die Malerei zunehmend aus ihrem Rahmen und entwickelte Arbeiten, die sich in den Raum hinein ausdehnen. Schnüre, Schläuche und andere Materialien werden zu Linien, die das Bild mit seiner Umgebung verbinden. Hoehme verstand seine Arbeiten als offene Energiefelder, deren Bedeutung erst im Verhältnis zwischen Werk, Raum und Betrachter entsteht.
Seine Zeichnungen nehmen in diesem Zusammenhang eine besondere Stellung ein. Sie sind keine vorbereitenden Skizzen, sondern eigenständige Arbeiten, in denen sich sein künstlerisches Denken unmittelbar zeigt. Mit nur wenigen Linien entwickelt Hoehme komplexe räumliche Beziehungen und Spannungen. Die Zeichnung beschreibt hier nicht lediglich einen Raum – sie erzeugt ihn.
Gerade darin liegt die Verwandtschaft zu Pip Culbert. Beide Künstler überschreiten konsequent die Grenzen zwischen Malerei, Skulptur und Objekt. Culbert verwandelt eine Naht in eine Zeichnung im Raum. Hoehme verwandelt eine Zeichnung in Raum. Beide reduzieren, anstatt hinzuzufügen. Was in Culberts Arbeiten aus Nähten und Stoffkanten entsteht, entwickelt Hoehme mit Bleistift, Tusche, Farbe oder Schnur. Beide arbeiten mit Linien, die nicht begrenzen, sondern verbinden. Beide schaffen offene Systeme, die über das Kunstwerk hinaus in den Raum und in die Wahrnehmung des Betrachters reichen.
Die Ausstellung versteht sich daher nicht als Gegenüberstellung zweier Positionen, sondern als Entdeckung einer unerwarteten Verwandtschaft. Obwohl Pip Culbert und Gerhard Hoehme unterschiedlichen Generationen und kulturellen Kontexten angehören und einander nie begegnet sind, verbindet sie eine künstlerische Haltung, die bis heute erstaunlich aktuell ist. (Quelle: Van Horn / übersetzt aus dem Englischen)
Ausstellungslaufzeit: 4. September bis 30. Oktober 2026.