
Sandra Mikolaschek, Tischtennis-Ass & Paralympics-Sportlerin, im Interview
„Ich finde die Düsseldorfer Innenstadt und die Altstadt richtig cool. Alle Geschäfte an der Schadowstraße sind barrierefrei und haben Aufzüge. Auch am Rheinufer kann man super entlangspazieren.“
Tischtennis-Profi Sandra Mikolaschek trainiert gerade für die Paralympics Ende August in Paris. Sie ist aber auch eine von drei Botschafterinnen während der UEFA EURO 2024 für Düsseldorf gewesen. Sandra ist aktuell die Zweite der Weltrangliste, Weltmeisterin im Mixed sowie Vizeweltmeisterin im Einzel. Aufgewachsen ist sie in Wimmelburg, einer kleinen Gemeinde in Sachsen-Anhalt, wo das sportliche Angebot Fußball oder Tischtennis lautete. In Ermangelung an Alternativen wurde Tischtennis ihr Hobby und sie gewann in ihrer Altersgruppe rasch Turniere. Das blieb Borussia Düsseldorf nicht verborgen und holte Sandra ins Tischtennisinternat, wo sie nach dem Abitur blieb: „Düsseldorf ist einfach der beste Standort in Deutschland, wenn es um Tischtennis geht.“ Wir trafen die 27-jährige Medaillenhoffnung, die gerade ihren Bachelor in Psychologie gemacht hat, zu einem Gespräch im Düsseldorfer Schauspielhaus, mit Blick auf die Fan Zone.

Aktuell steht Düsseldorf ganz im Zeichen der Fußballeuropameisterschaft. Du bist neben Martina Voss-Tecklenburg und Selin Oruz eine der drei Botschafterinnen der Stadt für die EURO 2024. Wie kam es dazu?
Ich bekam einen Anruf vom Projektleiter Thomas Neuhäuser, der mir sagte, dass die EURO 2024 nach Düsseldorf käme und jede Stadt Botschafter*innen im Dreierteam suche. Düsseldorf wollte andere Wege gehen als die anderen Austragungsorte und drei Frauen für diese Aufgabe gewinnen. Eine davon sollte ich sein. Ich war begeistert von der Idee, nicht nur Athletinnen aus anderen Sportarten als Fußball zu fragen, sondern auch an den Parasport zu denken. Es ist für mich eine Ehre, dass eine Stadt wie Düsseldorf, in der so viele tolle Sportlerinnen leben, ausgerechnet mich als Botschafterin für die Fußballeuropameisterschaft ausgewählt hat.
Was sind deine Aufgaben als Botschafterin?
Wir drei möchten natürlich vor allem die Stadt repräsentieren, ihr Gesicht sein. Ich hatte aber auch die Möglichkeit, mich an den Planungen zur Barrierefreiheit in den Fan Zones zu beteiligen.
Was steckt hinter dem Begriff Barrierefreiheit?
Barrierefrei bedeutet für jeden Menschen mit Behinderung etwas anderes, weil dabei auf die unterschiedlichen Beeinträchtigungen eingegangen werden muss. Für mich als Rollstuhlfahrerin ist Barrierefreiheit die Möglichkeit, an den verschiedensten Aktivitäten an öffentlichen Standorten teilnehmen zu können. Besonders wichtig sind in meinem Fall die baulichen Gegebenheiten, dass ich überall dort hinkomme, wo meine Freunde und Freundinnen sind.

Wie beurteilst du die Umsetzung des Themas in Düsseldorf?
In den letzten Jahren hat sich sehr viel getan. Vor allem der Umbau der Haltestelle Heinrich-Heine-Allee ist ein großer Schritt in Richtung barrierefreie Stadt. Natürlich gibt es Verbesserungsmöglichkeiten: Die Zugänge zu vielen Gebäuden sind für uns Rollstuhlfahrer*innen eine große Herausforderung, da wir an den Eingängen oft eine hohe Stufe überwinden müssen. Ich kenne es aus anderen europäischen Ländern, dass man einen kleinen Winkel in diese Stufen integriert, so dass man mit dem nötigen Anlauf ins Gebäude kommt, ohne extra eine Rampe aufstellen zu müssen. Es ist für uns Rollstuhlfahrer*innen ein großer Unterschied, diese Stufe allein bewältigen zu können und nicht immer um Hilfe bitten zu müssen.
Welche Ideen wurden speziell zur EURO in Düsseldorf umgesetzt, um sie barrierefrei zu machen, zum Beispiel in den Fan Zones?
In den Fan Zones gibt es eine Erhöhung für Rollis, damit sie nicht auf Fußbodenhöhe bleiben, was dazu führen würde, dass sie auf die Rücken der anderen Fans schauen müssten. Immer ganz vorne zu stehen, ist für uns nicht optimal. Man muss nicht nur extrem nach oben gucken, weil die Leinwände so groß sind, beim Torjubel fliegen auch schon mal die Bierbecher oder Fans drängen nach vorne, natürlich ohne böse Absicht. Auch dafür ist die Erhöhung eine gute Lösung. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist die Installation von Toiletten für Rollstuhlfahrer*innen in den Fan Zones und der Public Viewing Area. Die Volunteers werden zu diesem Thema gebrieft, damit sie wissen, wo in der Altstadt Behindertentoiletten zu finden sind. Insgesamt sollte es bei allen EURO-Mitarbeitenden die Bereitschaft geben zu helfen.
Es geht also um die Möglichkeit der Teilhabe, um Inklusion. Wie sieht diese grundsätzlich aus, wenn Menschen mit Behinderung Sport treiben möchten?
Die Sportförderung von Menschen mit Behinderung hat sehr viel mit ihrem Wohnort zu tun. In NRW gibt es den „Behinderten- Rehabilitationssportsverband“ (BRSNW), der sehr gut aufgestellt ist und für jede Sportart eine*n Landestrainer*in hat. Interessierte können verschiedene Sportarten ausprobieren und Menschen mit Talent werden in Förderprogramme eingeladen.
Wichtig ist, dass grundsätzlich jede*r Rollstuhlfahrer*in Sport machen kann. Allerdings fehlt vielen kleineren Vereinen das Wissen zu den speziellen Anforderungen von Parasportler*innen. Wir sind Leistungssportler*innen, die sich mit einem hohen Trainingspensum beispielsweise auf die Paralympics vorbereiten und die gleiche Leistung erbringen möchten wie alle anderen Profisportler*innen auch.
Was wünscht du dir in diesem Zusammenhang, um die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung insgesamt, aber auch im Sport wie im Tischtennis zu erhöhen? Letztes Jahr gab es beispielsweise die Invictus Games in Düsseldorf, die viel mediale Aufmerksamkeit bekommen haben. Hat die Veranstaltung etwas verändert?
Die Invictus Games haben sich sehr gut vermarktet und wir hoffen, dass die große Resonanz in den Medien dazu beiträgt, dass auch die Paralympics mehr Aufmerksamkeit bekommen. Social-Media-Plattformen haben ebenfalls viel dazu beigetragen, Menschen mit Behinderung sichtbarer zu machen. Es gibt inzwischen einige Influencer*innen, die ihren Alltag abbilden und zeigen, an welche Grenzen Rollstuhlfahrer*innen oft stoßen, wenn wir unseren ganz normalen Alltag bewältigen. Diese Sichtbarkeit kann unter Umständen viel bewirken und das Thema in die Mitte der Gesellschaft rücken, ohne dabei mit dem Finger auf andere zu zeigen und Forderungen zu erheben. Meckern bringt uns nicht weiter, wir sollten positiv hervorheben, was schon verbessert wurde und Hilfestellung leisten, diesen Weg weiterzuführen.

Was ist in diesem Zusammenhang deine Message als Botschafterin der EURO 2024?
Meine Botschaft ist wie das Motto der Stadt Düsseldorf: Everbody’s Heimspiel. Ich hoffe, dass es uns Botschafterinnen, aber auch der Stadt, gelingt, jeden willkommen zu heißen. Alle Fans sollen Spaß haben, sich in Düsseldorf gut aufgehoben fühlen, nicht nur in den Fan Zones, sondern grundsätzlich in der Stadt und mit ihren Bewohner*innen. Es wäre toll, wenn viele Besucher*innen wiederkommen, weil es ihnen so gut gefallen hat, dass sie noch mehr sehen und kennenlernen wollen – denn Düsseldorf ist wirklich eine total coole Stadt!
Und was wünschst du dir persönlich, auch nach der EURO? Sollte man künftig immer Menschen mit Behinderung in die Planung von Großveranstaltungen der Stadt mit einbeziehen?
Ja, das wäre schön – aber nicht nur, weil sie behindert sind. Denn dann werden Stimmen laut, die zwar überflüssig sind, sich aber trotzdem Gehör verschaffen: „Du bist nur dabei, weil du behindert bist.“ Nein, das bin ich eben nicht, sondern weil ich Weltmeisterin im Tischtennis bin und daher sehr viel von Sport verstehe! Es ist die Aufgabe der Organisator*innen, jemand Passendes zu finden. Und das dürfte kein Problem sein, es gibt zum Beispiel genug Rollstuhlfahrer*innen, die Expert*innen in allen möglichen Bereichen sind.
Apropos: Aktuell versuchen sich wieder viele Millionen Deutsche als Fußballexpert*innen. Wie sieht das bei dir aus – bist du als Tischtennis-Profi Fußballfan?
Ja, von Borussia Dortmund, aber auch Fortuna-Sympathisantin, und ich gehe gern ins Stadion, wenn ich die Zeit dazu finde.

Schaust du dir denn EURO-Spiele an?
Ich habe gerade leider wenig Zeit, weil ich sehr viel für die Paralympcis trainiere. Aber ich werde definitiv ins Stadion gehen und wenn ich kann, gucke ich mir Spiele mit Freundinnen und Freunden oder zusammen mit meinem Team an.
Was waren bisher die Highlights deiner Karriere – und was sind deine Ziele?
Der bisherige Höhepunkt ist natürlich der Weltmeistertitel im Mixed (Gemischtes Doppel im Tischtennis / Anm. d. Red.), den ich mit meinem Partner im Jahr 2022 in Granada, Spanien gewonnen habe. Und ich bin Vizeweltmeisterin im Einzel. Die Paralympics sind definitiv das nächste Highlight – da war ich bisher sportlich noch nicht so erfolgreich, wie ich es mir erhofft hatte. Die Medaille fehlt noch; als aktuell Weltranglistenzweite ist sie definitiv mein Ziel!
Wir haben jetzt sehr viel über Düsseldorf als barrierefreie Stadt gesprochen. Hast du noch einige Tipps für Spots, die insbesondere Menschen mit Behinderung besuchen sollten?
Ich finde die Düsseldorfer Innenstadt und die Altstadt richtig cool. Alle Geschäfte an der Schadowstraße sind barrierefrei und haben Aufzüge. Auch am Rheinufer kann man super entlangspazieren. Ich mag es sehr, hier den Sonnenuntergang bei einem kühlen Getränk zu genießen.
Mehr Informationen zu den Paralympics.
Wir wünschen Sandra viel Erfolg bei den Paralympics − Düsseldorf drückt dir die Daumen!
Interview: Katja Vaders
Fotos: Kenny Tran/Visit Düsseldorf & Landeshauptstadt Düsseldorf



