Harald Naegeli – Zeichnungen eines Sprayers im Bilker Bunker

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Der Streetart-Pionier ist zurück in Düsseldorf

Harald Naegeli im Bilker Bunker – einen passenderen Ausstellungsort für den „Sprayer von Zürich“ kann man in Düsseldorf kaum finden. Für Düsseldorfer*innen sind die Sprayfiguren Teil des kollektiven Unterbewusstseins, und wer mit offenen Augen durch die Stadt läuft, entdeckt sie nach wie vor an Brückensäulen und Fassaden: Graffiti von Harald Naegeli. 2025 ist es rund 40 Jahre her, dass der „Sprayer von Zürich“ nach Düsseldorf kam. Eine Ausstellung im Bilker Bunker spürt der präzisen Lebendigkeit seines Strichs nach. Im Zentrum: das zeichnerische Werk des Künstlers.

Standort Bilker Bunker und gleich ums Eck hat Harald Naegeli gewohnt, an der Karolingerstraße. Dort lebte der heute 85-Jährige, bevor es ihn 2020 zurück in sein Zürcher Elternhaus zog. Dreieinhalb Jahrzehnte war ihm Düsseldorf eine Art Exil – Anfang der 80er Jahre sah sich der „Sprayer von Zürich“ in seiner Heimatstadt mit einer Gerichtsverhandlung und schließlich einer Gefängnisstrafe konfrontiert, wegen „wiederholter und fortgesetzter Sachbeschädigung“. Bereits 1977 waren erste Sprayzeichnungen von Naegeli in Zürich aufgetaucht. Er, der Urheber, blieb zwei Jahre lang unentdeckt.

TEam Bilker Bunker und Flamingo Graffito von Naegeli
Ikonisches Auge und roter Flamingo

„Harald Naegeli ist ein Pionier gewesen“, sagt Christina von Plate, Geschäftsführerin und Kuratorin im Bilker Bunker. Der 1942 errichtete Schutzraum an der Ecke Aachener Straße/Karolingerstraße ist heute Kunst- und Kulturort – und zeugt von Naegelis Schaffen. Gleich zwei der Figuren des Schweizer Künstlers sind an den meterdicken Betonwänden des ehemaligen Hochbunkers zu entdecken. Direkt am Durchgang vom Bilker Bunker zum Innenhof: das erste Original, ein Naegeli-Auge. Nicht nur als Düsseldorfer*in ist man geneigt, dieses von Naegeli vielfach gesprayte Motiv – an dieser Stelle ausgeführt in einem durchgehenden schwarzen Sprühstrich – ikonisch zu nennen. „Das Auge haben wir während der Umbaumaßnahmen unter einem Feuerwehrschild entdeckt“, erzählt Christina von Plate und fragt dann, ob wir im Innenhof den zweite Naegeli ausfindig gemacht hätten: ein dynamisches, nicht minder charakteristisches Strichmännchen, das sich etwas versteckt nahe den Mülltonnen „rumtreibt“.

Exponierter ist der Neuzugang: der rote Flamingo. Sein Untergrund, eine Ytong-Wand, war einst Teil einer Tankstelle an der Bachstraße. Als diese abgerissen werden sollte, habe man sich um den Flamingo bemüht, erzählt Christina von Plate. Federführend geleitet vom Kollegen Tobias Rösgen hätten bei der Rettung des Flamingos alle an einem Strang gezogen – das Denkmalamt, der Projektentwickler für das Bachstraßen-Grundstück, die Firma Ten Brinke, und die Kunstkommission. Das war auch nötig: Das bröselige Wandfragment, das es zu transportieren galt, wiegt knapp eine Tonne. „Jetzt steht der Flamingo bei uns im Innenhof, der ja städtisch und öffentlich zugänglich ist.“

„Protest gegen die Unwirtlichkeit der Städte“

Die Idee, Naegelis Kunst auch ins Innere des Gebäudes zu holen, bestand schon länger. Vom Künstler selbst ist überliefert, dass er seine Sprayaktionen auch als „Protest gegen die Unwirtlichkeit der Städte“ begreift, und man kann sich vorstellen, dass ein neu belebter, transformierter Ort wie der Bilker Bunker seinen Gefallen findet. Ja, das passe schon gut zusammen, bestätigt Christina von Plate. Auch Naegeli habe gesagt, er finde es spannend, an einem solchen Ort auszustellen. Ausstellen? Ja, was denn eigentlich? Neben den bekannten Graffiti im öffentlichen Raum hat Naegeli in seinem Atelier an der Hildebrandtstraße ein äußerst umfangreiches zeichnerisches Werk erschaffen, vor allem Arbeiten auf Papier, mit Bleistift, Tusche, Pinsel. Der 85-Jährige zeichne bis heute, erzählt Anna-Barbara Neumann, Geschäftsleiterin der Zürcher Harald Naegeli Stiftung, bei der Ausstellungseröffnung. Auch mit der Sprühdose arbeitet Naegeli selten flächig. „Eine Sprayfigur dauert etwa zwischen fünf und zehn Sekunden und dann ist sie fertig, da wird nicht viel abgesetzt“, sagt Christina von Plate. Dahinter stehe Naegelis „wirklich hervorragende Zeichenkunst“. Diese Perfektion hat ihn neben seiner Vorreiterschaft international bekannt gemacht.

Partikel eines Lebenswerks im Bilker Bunker

Das Spektrum der Ausstellung im Bilker Bunker ist nicht nur historisch umfassend – die ältesten gezeigten Arbeiten sind von 1980, die jüngsten, die sogenannten Blitzcollagen, datieren aus den letzten drei, vier Jahren. Skizzen von Naegelis Sprayarbeiten treffen auf zarte Zeichnungen
und Grafiken, oft im Miniformat. Was sich mit dem Flamingo bereits andeutet: Tiere gehören zu Naegelis liebsten Sujets. Versammelt sind aber auch in feinem Strich festgehaltene Landschaften. „Diese Landschaftsarbeiten sind zum Teil im Zug entstanden, auf der Fahrt von Zürich nach Düsseldorf am Rhein entlang. Naegeli hat versucht, die Landschaft so einzufangen, wie sie am Zugreisenden vorbeizieht. Man spürt den lebendigen Moment“, meint Christina von Plate.

Eine zumindest vordergründig gegenstandslose Arbeit wird ebenfalls im Bilker Bunker gezeigt, Naegelis „Urwolke“. Genauer, fünf Teile von ihr. Als Einzelblätter sind sie schwebend in den Raum gehängt. Derzeit besteht die „Urwolke“ aus 400 bis 500 Federzeichnungen, jede für sich komponiert aus filigranen Strichen und Punkten. Assoziationen zu den Partikeln, die beim Sprayen entstehen, seien nicht zufällig, sagt Christina von Plate. Für Naegeli sei dies eine sehr kontemplative Arbeit, wohl eine Art Meditation. Naegeli selbst bezeichnet sie als sein „Lebenswerk“, als eine Zeichnung, die „endlos“ und „überpersönlich“ sei und sein „hauptsächliches Vermächtnis“.

Harald Naegeli – Das Düsseldorfer Erbe

Das Erbe, das Naegeli Düsseldorf vermacht hat, ist im Stadtbild noch immer gegenwärtig. Eine regelrechte Naegeli-Galerie bilden die Säulen unter der Rheinkniebrücke. Einige Sprayfiguren sind in der Ausstellung unter anderem als Foto präsent. Ob sie an ihrem Entstehungsort nicht längst wieder entfernt oder übermalt wurden? Das ist bis heute ja Schicksal eines Sprayers, selbst eines von Weltrang: Noch 2019 musste Harald Naegeli in Düsseldorf für ein Flamingo-Graffiti Entschädigung zahlen. Ein in die Ausstellung integrierter Lageplan führt zu den in der Düsseldorfer Stadtlandschaft noch erhaltenen Werken – die Besucher*innen können die fotografierten Motive samt Standort von kleinen Blöcken abreißen und mit nach Hause nehmen. Zugleich sind sie aufgefordert, über einen QR-Code eigene „Naegeli-Funde“ zu melden. „Ich habe letztens noch eine Arbeit in einem Hinterhof an der Bilker Straße hinter Efeu entdeckt“, erzählt Christina von Plate.

Unterstützung von Joseph Beuys

In einer an die Wand geworfenen Filmdokumentation begegnet man dem jungen, charmant verschmitzten Harald Naegeli. Dass dieser in Joseph Beuys einen Fan und Fürsprecher fand, verwundert nicht. Beuys und der Aktionskünstler Klaus Staeck waren es auch, die Naegeli begleiteten, als er sich 1984 nach monatelanger Flucht dem Baseler Grenzschutz stellte. Politischer Protest und Gesellschaftskritik paaren sich bei Naegeli mit Witz und spielerischer Leichtigkeit. „Mit seinen Sprayfiguren bringt er den einen oder die andere zum Schmunzeln und holt sie vielleicht auch damit ab“, meint Christina von Plate. Dabei richtet sich Naegelis Rebellion nicht nur gegen die „Nudität des Sichtbetons“, Zitat Naegeli. Mit seinem „Totentanz der Fische“ auf einer Strecke von etwa 100 Kilometern entlang des Rheins reagierte dieser beispielsweise auf die Kontaminierung und das Fischsterben nach dem Sandoz-Chemieunfall 1986. Weitere „Totentänze“, unter anderem in Venedig, folgten. Naegelis Stiftung hat sich sowohl der Bewahrung seiner Kunst als auch explizit dem Natur-, Tier-, Klimaschutz wie der Erhaltung der Artenvielfalt verschrieben.

Magic vs. Naegeli

Wer im Bilker Bunker zu Gast war, weiß: Harald Naegeli ist hier bereits seit 2023 zu Hause. „Magic vs. Naegeli ’96“ heißt die Arbeit, die dauerhaft zu sehen ist: eine Neuauflage des künstlerischen Dialogs zwischen Naegeli und Oliver „Magic“ Räke – auch er ein früher Graffiti-Vogel und in Düsseldorf aktiv seit 1983. In den 90ern hatten beide im öffentlichen Raum durch Sprayaktionen miteinander kommuniziert. Naegeli setzte ein Strichmännchen auf einen von Räke gesprayten Stuhl, Räke verpasste einigen Naegeli-Figuren Sprechblasen. Irgendwann begegneten sie sich persönlich. Was bedeutet die Streetart für Düsseldorf? „Es gibt schon eine große Streetart-Community“, sagt Christina von Plate. „Und ich habe den Eindruck, dass auch im kunstkulturellen Kontext immer mehr Aufmerksamkeit besteht.“

bilkerbunker.de

Text: Eva Westhoff
Fotos: Bilker Bunker / kaufmannfotografie.de

Info

Die Harald Naegeli-Ausstellung im Bilker Bunker läuft noch bis 2. April 2025.
Am 18. März 2025 wird im Bilker Bunker um 20 Uhr der Film: „Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich“, Regie: Nathalie David, gezeigt.
Mehr entdecken
Eine Audio-Tour zu den Sprayzeichnungen von Harald Naegeli im Stadtteil Bilk findet sich auf der Seite der Harald Naegeli Stiftung zum kostenlosen Download.

Mehr Informationen unter haraldnaegelistiftung.ch.

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