
Kunstmeile Birkenstraße Düsseldorf – Galerist Lucas Hirsch im Gespräch
Interview
„Düsseldorf ist eine wundervolle Großstadt im Kleinformat.“
An der Birkenstraße Düsseldorf hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine neue, junge Galeriemeile etabliert. Mittendrin: Lucas Hirsch. Er ist gebürtiger Düsseldorfer und fest in der Stadt verwurzelt. Lucas ging in Flingern in die Grundschule, in Pempelfort aufs Gymnasium und begann mit 20, parallel zu seinem Job als DJ, dem bekannten Galerist*innenpaar Nina Höke and Alexander Sies beim Aufbau auszuhelfen. Eine wegweisende Entscheidung. Der Kunstbetrieb faszinierte ihn. Lucas Hirsch wurde Assistent in Sies‘ und Hökes Galerie für zeitgenössische Kunst, studierte nebenbei Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität. Fünf Jahre später, mit nur 25 Jahren, war er Direktor bei Sies + Höke. Fünf weitere Jahre blieb er, dann schien ihm die Zeit reif, etwas Neues zu wagen. 2016 eröffnete Lucas Hirsch unter eigenem Namen eine Galerie an der Birkenstraße in Flingern. Im April ist der 40-Jährige auf der Art Düsseldorf vertreten.

Die Birkenstraße Düsseldorf entwickelt sich immer mehr zur Galerienmeile. Wie siehst du diese Entwicklung? Ist das für dich deutlich spürbar?
Die Birkenstraße Düsseldorf hat sich in den letzten Jahren als Standort für Galerien organisch und lebendig entwickelt und es ist spannend zu sehen, wie sich das Viertel verändert. Für meine eigene Arbeit spielt das jedoch keine zentrale Rolle – ich bin hier seit neun Jahren und schätze den Ort unabhängig davon, wie viele andere Galerien auf der Birkenstraße sind. Mein Fokus liegt eher auf den Künstler*innen und Projekten, mit denen ich arbeite, als auf einer bestimmten Szene oder einem Cluster.
Wie kam es dazu, dass du eine Galerie eröffnet hast?
Ich habe bei Sies + Höke wahnsinnig viel gelernt, wollte dann aber, nach zehn Jahren im Angestelltenverhältnis, etwas Eigenes aufbauen. Eine Ausstellung von Lukas Müller, die ich im Bonner Kunstverein sah, war schließlich die Initialzündung zu diesem Schritt. Dass ich die Galerie in Düsseldorf eröffnet habe, liegt daran, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin und mich stark verbunden fühle. Die Kunstszene der Stadt hat sicher mein Interesse geweckt, aber selbst wenn das nicht so gewesen wäre und ich einen anderen Beruf ergriffen hätte: Ich wäre so oder so in Düsseldorf geblieben.
Du vertrittst Künstler*innen der jüngeren Generation. Wie hat sich dein Portfolio formiert?
Mein Portfolio hat sich organisch entwickelt – über Freund*innen von Freund*innen, durch erste Ausstellungen und gemeinsame Projekte. Es war nie eine gezielte, strategische Entscheidung, sondern ein eher natürlicher Prozess. Mir ist wichtig, mit den Künstler*innen gemeinsam zu wachsen.

Deine Galerie zählt zu den jüngeren in Düsseldorf – das Durchschnittsalter der Künstler*innen liegt bei 39 Jahren. Wie ist der Austausch mit den alteingesessenen Galerien?
Der Austausch mit Sies + Höke ist mir wichtig – wir haben gerade erst eine gemeinsame Ausstellung in deren Offspace Caprii eröffnet, mit dem von mir vertretenen Künstler Niklas Taleb. Ansonsten bin ich eher im Dialog mit Künstler*innen, Kurator*innen und der Stadt selbst. Was Galerist*innen angeht, finde ich meine Generation weniger in Düsseldorf, sondern eher in Berlin, Paris, Mailand oder auch Köln.
Du vertrittst fast paritätisch männliche und weibliche Künstler*innen. Wie hat sich die Welt der Kunst in Bezug auf Geschlechterverteilung in den letzten neun Jahren entwickelt?
Es hat sich viel zum Positiven entwickelt. Ein gutes Beispiel ist Kinke Kooi: In den 80er- und 90er-Jahren wurde ihre feminine Bildsprache in einer von Minimalismus und männlicher Dominanz geprägten Kunstwelt belächelt. Heute sind genau diese Qualitäten so nah am Zeitgeist. Die Sichtbarkeit und Anerkennung von Künstlerinnen ist deutlich gestiegen, und in vielen Bereichen gibt es eine bewusste Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen. Die große Diskrepanz zeigt sich nach wie vor bei den Preisen – vor allem in Auktionsergebnissen, weniger in meiner Preisklasse.

Du stellst diesen Monat auf der Art Düsseldorf aus. Welche Künstler*innen stehen dabei im Mittelpunkt?
Ich habe dort einen Gemeinschaftsstand mit der Galerie Drei aus Köln und zeige Arbeiten von Hans-Ulrich Britsche, dessen erste Soloausstellung ich zeitgleich in der Galerie eröffne. Daneben werde ich Arbeiten von Kim Stolz auf der Art Düsseldorf präsentieren und von Lukas Müller, der seine erste Einzelausstellung 2016 bei mir hatte.
Welche Bedeutung hat die Messe für dich?
Die Art Düsseldorf ist ein Heimspiel und eine gute Gelegenheit, bestehende Kontakte zu pflegen. Es kommen Kunstinteressierte und Sammler*innen aus ganz Deutschland, was für uns als Düsseldorfer Galerie natürlich ein Vorteil ist. Denn wenn die Besucher*innen anlässlich der Messe in der Stadt sind, schauen viele auch in der Galerie vorbei.

Welche Rolle spielt die Kunstakademie für die Kunststadt Düsseldorf?
Die Kunstakademie Düsseldorf hat ohne Frage eine große Bedeutung für die Kunstszene – viele großartige Künstler*innen haben dort studiert und einige begleiten mich und meine Galerie bis heute. Ich schätze auch einige der Professor*innen sehr, die dort gelehrt haben oder lehren. Gleichzeitig gibt es Strukturen und Entwicklungen, die mich nachdenklich stimmen. Wie in vielen Institutionen wird über manche Themen viel zu wenig gesprochen. Ich würde mir wünschen, dass sich die Akademie in manchen Bereichen kritischer mit sich selbst auseinandersetzt.
Wohin gehst du selbst, wenn du Kunst sehen möchtest?
Ich schätze den Kunstverein für die Rheinlande und für Westfalen. Viele Ausstellungen dort sind näher an meinem eigenen kuratorischen Ansatz als bei anderen Institutionen – das macht den Kunstverein für mich besonders interessant.
Hast du ein Lieblingsmuseum?
In Düsseldorf ist die Kunstsammlung NRW für mich besonders wichtig – sie ist das Museum mit der größten überregionalen Relevanz. Außerhalb der Stadtgrenzen mag ich das Museo Madre in Neapel sehr gerne.

Gibt es etwas, das du ganz besonders an Düsseldorf schätzt?
Düsseldorf ist eine wundervolle Großstadt im Kleinformat – genau das macht Düsseldorf so vielfältig und erlebbar.
Hast du einen Offspace-Geheimtipp auf der Birkenstraße Düsseldorf?
Nein, aber einen in Oberbilk: Der Space heißt Linienstraße und ist an der Linienstraße 28, in der Nähe des Oberbilker Marktes.
Für welche Restaurants entscheidest du dich, wenn Künstler*innen oder Sammler*innen zu Besuch sind?
Mittags fürs San Leo in der Altstadt, abends fürs Olio.
Und wohin gehst du, um abzuschalten?
Auf meine Dachterrasse in Grafenberg, wo ich wohne.
Info
Die Fotos zeigen Arbeiten von Laura Sebastianes: The House Of The Serpent Bearer – The 6th Hour.
Die Ausstellung wurde kuratiert von Pina Bendfeld und war bis 29. März 2025 zu sehen.
Text: Ilona Marx
Fotos: Uwe Kraft



