Man sieht den Leiter der Glassammlung Kunstpalast hinter Glasskulptur hervorgucken in der Mythos Murano Ausstellung.

Mythos Murano – Dedo von Kerssenbrock-Krosigk, Leiter der Glassammlung im Kunstpalast

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„Glas ist die demokratischste Kunstform.“

Murano, das kennt man. Die Glaskunst mit Ursprung in Venedig findet man vielleicht sogar in den eigenen vier Wänden. Das Glasmuseum Hentrich im Kunstpalast mit der Ausstellung „Mythos Murano“ wiederzueröffnen, lag nicht nur nahe, sondern ist ein glänzender Einstieg in die Glaskunst. Denn die Glassammlung des Kunstpalast ist eine der größten weltweit. Und nicht nur das Spiegelkabinett ist ein echter Hingucker. Bereits seit 2008 leitet Dedo von Kerssenbrock-Krosigk das Glasmuseum. Einige mögen ihn als Experten aus der Fernsehsendung Kunst + Krempel kennen. Wir haben mit ihm über die Sammlung, seine Erfahrungen mit Glasbläserei & die Vorliebe für Dim Sum gesprochen.

Man sieht eine bernsteinfarbene Glasskulptur. Im Hintergrund leuchtet unscharf der Neonschriftzug Mythos Murano.

Herr von Kerssenbrock-Krosigk, zur Wiedereröffnung der Glassammlung zeigen Sie mit Mythos Murano eine große Murano-Ausstellung. Warum gerade das?
Murano kennt fast jeder. Viele Menschen haben ein Glasobjekt zu Hause oder waren mal in Venedig. Das schafft eine Verbindung. Und wir haben eine umfangreiche Murano-Sammlung. Diese Stücke bringen Farbe, Geschichte und ein bisschen Nostalgie mit. Sie zeigen aber auch die enorme Spannbreite vom touristischen Souvenir bis zum künstlerisch anspruchsvollen Designobjekt.

Was war der Auslöser für die Umgestaltung der Ausstellung?
Das Museum wurde in den vergangenen Jahren Stück für Stück modernisiert. Der Sammlungsflügel, in dem sich auch die Glasausstellung befindet, ist der letzte Abschnitt, der neu gestaltet wurde. Wichtig war uns, die strikte Trennung zwischen „Altbau“ und „Neubau“ aufzuheben – architektonisch wie inhaltlich. Früher war die Glasausstellung sehr dicht bestückt, teilweise standen acht Objekte in einer Vitrine. Heute zeigen wir weniger, geben den einzelnen Stücken mehr Raum. Weniger ist an der Stelle tatsächlich mehr.

Ein Anziehungspunkt ist das neu gestaltete Spiegelkabinett. Was hat es damit auf sich?
Früher war das die Studiensammlung, also ein Ort, an dem sehr viele Objekte eng beieinander standen. Wir haben das nun in eine ästhetisch ansprechende, fast magische Inszenierung verwandelt: mit Spiegeln, klarer Struktur und Lichtführung. Das wirkt. Besonders die jüngeren Besucher*innen reagieren stark darauf – fotografieren, posten, tauchen ein. Und das ist auch völlig okay. Glas hat eine visuelle Kraft, die man ruhig spielen lassen darf.

Wie weit reicht die Sammlung eigentlich zurück?
Wir haben Stücke von der Antike bis in die Gegenwart. Besonders reich ist unsere Jugendstil-Sammlung, unter anderem mit vielen Arbeiten von Émile Gallé, einem der großen Namen der Glaskunst um 1900. Aber auch neuere Entwicklungen sind vertreten, etwa die skulpturalen Werke aus der ehemaligen Tschechoslowakei, die ab den 1960er Jahren entstanden sind. Interessant ist: In autoritären Regimen war Glasdesign oft ein Schlupfloch für kreative Freiheit. Abstrakte Malerei war politisch heikel, aber ein abstraktes Glasobjekt? Das war erlaubt.

Glas kann man ja im Sammlungskontext als ein eher unterschätztes Medium sehen. Was macht den Reiz der Glassammlung aus?
Das stimmt. Viele Leute sagen: „Würde ich mir gern mal ansehen.“ Aber sie gehen dann doch nicht hin. Das liegt auch am Image: Glas ist nicht so präsent wie Malerei oder Skulptur. Dabei ist es ein unglaublich spannendes Material – technisch, ästhetisch, sowie kulturell. Glas ist eigentlich die demokratischste Kunstform: Es war über Jahrhunderte ein Alltagsmaterial, und zugleich ein Medium für höchste Kunstfertigkeit.

Sammeln Sie eigentlich selbst?
Privat nicht mehr, dafür fehlt mir mittlerweile der Platz (lacht). Aber im Museum haben wir natürlich ständig mit Sammler*innen zu tun. Es gibt großartige Privatsammlungen. So wurde uns zum Beispiel eine wunderbare Sammlung von niederländischem Design aus Leerdam von einem Ehepaar überlassen. Fast 1.000 Stücke, die wir nach und nach ausstellen wollen. Wir nehmen aber nicht mehr alles an. Ein Objekt muss wirklich einen Mehrwert bringen. Nur weil etwas alt ist, gehört es noch lange nicht ins Museum.

Gibt es denn viele Fälschungen auf dem Glasmarkt?
Oh ja! Vor allem bei beliebten Namen wie Gallé. In Rumänien zum Beispiel wurden Glasobjekte im Stil Gallés hergestellt, auf denen sogar „Type Gallé“ stand. Dieses „Type“ ließ sich dann wegschleifen und schon war es ein „Original“. Solche Dinge sind ärgerlich, aber sie gehören zur Museumsarbeit dazu. Unsere Aufgabe ist es, genau hinzuschauen, zu vergleichen und zu kontextualisieren.

Haben Sie denn selbst auch mal Glas geblasen?
Ja, tatsächlich! In einem Glasstudio in Corning, Upstate New York, habe ich eine Woche lang selbst Glas geblasen. Das war eine wertvolle Erfahrung. Nur, wenn man einmal selbst mit dem glühenden Material gearbeitet hat, versteht man wirklich, wie komplex und empfindlich Glas ist und wie viel Können und Erfahrung dahinterstecken.

Ansicht der Ausstellung Mythos Murano.

Kommen wir zu Düsseldorf: Haben Sie ein paar persönliche Tipps?
Unbedingt. Ich liebe die Gastronomie hier. Bei Tao China Bistro an der Collenbachstraße gibt es wunderbare Dim Sum, also kleine Gerichte, die ganz fein gemacht sind. Oder das Lucy Abyssinia in Gerresheim kann ich sehr empfehlen. Dort gibt es äthiopische Küche, sehr authentisch, und man isst mit den Fingern.
Für Kulturfans kann ich die DC Open im September sehr empfehlen. Sie sind eine großartige Möglichkeit, mit Künstler*innen ins Gespräch zu kommen − ohne Schwellenangst.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Glasmuseums?
Ich wünsche mir, dass das Interesse am Glas nicht nur erhalten bleibt, sondern weiter wächst – gern auch durch neue Medien wie Instagram, neue Designtrends oder Crossover-Projekte. Glas ist ein facettenreiches Medium. Wenn es gelingt, das zu vermitteln, dann hat das Museum auch in Zukunft eine strahlende Rolle.


kunstpalast.de

Text: Clemens Henle
Fotos: Uwe Kraft

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