
Galerie Orfèvre in der Carlstadt − Zu Besuch bei Lisa Scherebnenko & Malte van der Meyden
„Die Düsseldorfer*innen, die früher auf der Kö eingekauft haben, kommen jetzt in die Carlstadt.“ (Malte an der Meyden)
Die Schmuckgalerie Orfèvre in der Carlstadt gibt es bereits seit über 40 Jahren. Als Lisa Scherebnenko 2020 die Schmuckgalerie Orfèvre übernahm, trat sie in die Fußstapfen einer Düsseldorfer Institution. Ihr Vorgänger Peter Hassenpflug hatte Orfèvre 1969 in der Carlstadt gegründet und mehr als ein halbes Jahrhundert lang seine eigenen Goldschmiedearbeiten mit internationalen Schmuckpositionen angereichert. Heute, fünf Jahre später, hat Scherebnenko ihre künstlerische Handschrift in der Düsseldorfer Schmuckszene etabliert und verfügt über ein wachsendes Netzwerk junger und renommierter Schmuckkünstler*innen. Seit Juni dieses Jahres ist ihr früherer Kommilitone von der Hochschule Düsseldorf (HSD), Malte van der Meyden, mit an Bord. Im Interview erklären Lisa Scherebnenko und Malte van der Meyden, welche Pläne sie mit Orfèvre in der Carlstadt verfolgen.

Orfèvre hat ein besonderes Konzept. Könnt ihr kurz erklären, wie das aussieht?
Lisa: Das Konzept bei Orfèvre ist, dass Kreative ausstellen, deren Schmuck einen künstlerischen Anspruch hat.
Die Galerie in der Carlstadt hat eine lange und besondere Geschichte.
Lisa: Ja, das stimmt. Die Galerie wurde 1969 von Peter Hassenpflug gegründet – und es soll die erste ihrer Art weltweit gewesen sein. Schmuck wurde neu gedacht. Bei herkömmlichen Juwelieren und Goldschmieden fand künstlerischer Schmuck keinen Raum. Deshalb haben Peter Hassenpflug, seine Frau Marie und eine Reihe weiterer deutscher Schmuckkünstler*innen beschlossen, eine Schmuckgalerie zu eröffnen. Düsseldorf stand schon damals für Kunst und Kultur – daher war der Standort schnell gefunden.

Lisa, was hat dich motiviert, die Galerie Orfèvre zu übernehmen?
Lisa: 2020 war Peter Hassenpflug auf der Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Wir verstanden uns auf persönlicher wie auf professioneller Ebene auf Anhieb. Ich hatte eine klassische Goldschmiedeausbildung und eine zur Edelsteinfasserin in meiner Heimatstadt Gummersbach absolviert. Von 2015 bis 2020 habe ich außerdem an der Hochschule Düsseldorf Applied Art and Design studiert. (In der Abteilung Peter Behrens School of Arts/Anm. d. Red.) Im Januar 2020 habe ich dort meinen Abschluss gemacht und im darauffolgenden April Orfèvre übernommen.
Ihr betreibt die Galerie inzwischen zu zweit. Warum?
Lisa: Seit 1. Juni dieses Jahres betreiben Malte und ich die Galerie zusammen. Wir haben uns über das Kollektiv Blow Shop kennengelernt. Blow Shop ist eine Initiative von zehn Objekt-Designer*innen, die etwa zweimal im Jahr Verkaufsausstellungen veranstalten.
Malte:Blow Shop entstand, weil Düsseldorf in unseren Augen sehr viel Raum für Kunst, aber noch zu wenig für Design bot. Das wollten wir ändern. Und bei Düsseldorf blieb es nicht: Es gab inzwischen auch Pop-ups von Blow-Shopin Antwerpen, Brüssel, Amsterdam und Berlin.
Lisa: Malte und ich haben uns im Rahmen dieses Projekts näher kennengelernt und festgestellt, dass wir sehr gut zusammenarbeiten und dass uns unser Verständnis von Design verbindet.
Malte: Ich habe einen kaufmännischen Background und Exhibition Design an der Hochschule Düsseldorf studiert. Gemeinsam möchten wir Orfèvre nun wachsen lassen.

Welche Art von Ausstellungen finden bei Orfèvre statt?
Malte: Mit unserer ersten gemeinsamen Ausstellung wollten wir den Begriff von Schmuck erweitern – nicht nur als etwas für den Körper, sondern auch für den Raum. Dafür haben wir Schachteln, Kisten und Boxen von Künstler*innen unter anderem aus Prag und Kopenhagen eingeladen, die ihre kunsthandwerklichen Objekte beisteuerten. Das größte Objekt jedoch stammte von Walter Wittek aus dem Münsterland. Er ist Bildhauer und Schmuckkünstler und steuerte eine 100 Kilogramm schwere Urne zur Ausstellung bei. Wir mussten sie mit einem Magneten aus seinem Auto hieven!
Im Moment habt ihr Pflanzen in den Vitrinen …
Lisa: Die aktuelle Ausstellung ist unsere zweite und zeigt Keramikarbeiten von Fritz Adamski. Fritz ist für seine Tassen und Vasen bekannt, hat aber auch eine große private Sammlung von Pflanzen, die er in der Natur oder im Garten seiner Mutter findet. Wir konnten Fritz überzeugen, seine Sammlung auch einmal öffentlich zu zeigen. Da wir die begrünten Töpfe hier verkaufen, hat er eine Auswahl von Pflanzen getroffen, von denen er sich trennen konnte.
Malte: Durch die Begrünung sehen unsere Vitrinen ein bisschen aus wie Terrarien und die Schmuckstücke wirkten darin fast wie exotische Schmetterlinge. Ich finde, das macht Sinn: Das Material des Schmucks kommt ja aus der Erde – und das Gleiche gilt für die Pflanzen. So stehen die Schmuckstücke im Dialog mit den Arbeiten von Fritz Adamski.

Welche Ausstellung habt ihr als Nächstes geplant?
Malte: Als Nächstes wollen wir den Silbersommer wieder etablieren und damit eine Tradition wiederbeleben, die Peter Hassenpflug begründet hat. Wir möchten zeigen, wie vielseitig Silberschmuck sein kann. Dazu haben wir eine Vielzahl an Schmuckdesigner*innen eingeladen.
Wie ist die Altersstruktur eurer Kundschaft?
Lisa: Mehr als die Hälfte unserer Kund*innen halten Orfèvre schon lange die Treue. Dazu kommen jüngere Leute, die unter anderem durch Blow Shop auf uns aufmerksam geworden sind und uns auf Instagram folgen.
Malte: Die Düsseldorfer*innen, die früher auf der Kö eingekauft haben, kommen jetzt in die Carlstadt, weil viele Inhaber*innen-geführte Geschäfte hierhergezogen sind. Es findet ein Generationenwechsel statt, das zeigt sich zum Beispiel in der Eröffnung von Another Cotton Lab und The Qool. (Die junge Düsseldorfer Modemarke Another Cotton Lab eröffnete dieses Jahr an der Bastionsstraße, vis-à-vis von Orfèvre, einen Flagshipstore. The Qool ist ein Concept Store an der Haroldstraße. / Anm. d. Red.)


Ist Düsseldorf ein guter Standort für eine Schmuckgalerie?
Malte: Ja, Düsseldorf als eine Stadt, die zentral in Europa liegt und ein Ort der Kunst und der schönen Dinge ist, passt für mich sehr gut zu Orfèvre.
Was verbindet ihr mit Düsseldorf?
Lisa: Kunst. Deshalb sehe ich die starke Verbindung zu uns. Orfèvre wäre ohne das künstlerische Umfeld nicht vorhanden, nicht denkbar.
Malte: Ich sehe das genauso. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Interesse für Kunst an einem anderen Ort besser gestillt werden könnte.
Ihr seid beide nicht in Düsseldorf geboren. Warum seid ihr nach dem Studium geblieben?
Lisa: Immer, wenn ich von einer Reise zurückkehre, bemerke ich, wie viele Vorteile die Stadt hat: Die Freundlichkeit der Menschen, das tolle Kulturangebot, die schöne Natur der Umgebung. Es gibt alles, was ich brauche.
Malte: Mich fasziniert, dass man einfach so von Stadt zu Stadt fahren kann. Ich bin geblieben, weil das Kulturangebot so reichhaltig ist – und wegen der Freundschaften, die ich geschlossen habe.

Wohin geht ihr, wenn Freund*innen zu Besuch sind?
Malte: Ich zeige ihnen gerne die Langen Foundation und das Museum Insel Hombroich.
Lisa: Ich führe sie ins Japanviertel.
Welches sind eure Lieblingslokale?
Lisa: Wir gehen ins Velvet – wegen des interessanten Publikums. Es ist ein lokaler Treffpunkt! Mittlerweile gibt es auch einen Raum für Musik, in dem mittwochs und freitags Konzerte stattfinden. Das ist toll.
Malte: Ins Forum an der Lorettostraße gehen wir wegen des Essens und wegen der Leute, die es betreiben. Jacob Lambert hatte früher den Etta Kunstraum an der Bastionstraße. Für einen Kaffee gehe ich auch gerne ins No Worries Coffee in Flingern.
Lisa: Ich ins Cøffe am Carlsplatz.
Und wohin geht ihr, wenn ihr abschalten möchtet?
Lisa: Ich schalte zu Hause am besten ab, aber ich gehe auch sehr gerne ins Vabali Spa. Manchmal setze ich mich mit einem Buch in den Park des K21 der Kunstsammlung NRW.
Malte: Und ich liebe den Nordpark, weil er so ruhig und großflächig ist. Oft setze ich mich aber auch aufs Fahrrad und fahre einfach los. Egal in welche Richtung.
Text: Ilona Marx
Fotos: Kristina Fendesack



