Roberto, Inhaber des Eiscafés Stefan da Roberto am Worringer Platz, ist hinter der Eisverkaufstheke und gibt ein Eis heraus.

Das Eiscafé am Worringer Platz – Ein Interview mit Roberto Tomasella

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Manche nennen ihn den Bürgermeister vom Worringer Platz: Roberto Tomasella, Inhaber des Eiscafé Stefan da Roberto

Der Worringer Platz ist kein einfacher Ort. Wir haben uns gefragt, wie es ist seit fast 50 Jahren am Worringer Platz ein Lokal zu betrieben. Roberto Tomasella führt dort seit 1976 sein Eiscafé Stefan da Roberto. Er kam im Jahr 1976 nach Düsseldorf. Seinerzeit war das Viertel noch florierend, inzwischen hat es einen schlechten Ruf, nicht zuletzt wegen der ansässigen Drogenszene. Roberto hat daher mit einigen Mitstreiter*innen die Bürgerinitiative Worringer Platz gegründet. Ein Projekt, das sich für die Wiederbelebung der Gegend einsetzt. Was er bisher erreicht hat und wie es ist, ein Eiscafé an einem sozialen Brennpunkt zu betreiben, erzählte er uns in einem Gespräch.

Man sieht links ein Stück knallblaue Markise und von unten aufgenommen das Schild der Eisdiele, das im starken Kontrast zur Markise steht.

Roberto, wann sind deine Ehefrau Raffaela und du nach Düsseldorf gekommen?
Das war im Dezember 1976, ich war gerade 19 Jahre alt. Ich hatte zuvor in Italien in einem Restaurant gekellnert, in dem ich Signor Stefan kennenlernte, einen Möbelfabrikanten aus Norditalien. Er hatte Geld in ein Eiscafé in Düsseldorf investiert und bot mir an, dort zu arbeiten.

Das Eiscafé lag und liegt am Worringer Platz. Wie war es dort im Jahr 1977, als du nach Düsseldorf kamst?
Das war damals eine schöne Ecke in Düsseldorf mit einer guten Geschäftskonstellation − es gab am Worringer Platz drei Banken, einen Supermarkt und viele wohlhabende Anwohner*innen. Unser Eiscafé ist von Anfang an sehr beliebt gewesen.

Du kanntest Deutschland bereits vorher?
Ja, im Jahr 1974 lebte ich für ein Jahr in Bochum, um dort in einer Eisdiele zu arbeiten und mein Deutsch zu verbessern. Ich hatte bereits in Italien angefangen, die Sprache zu erlernen. Samstags hatte ich meinen freien Tag, den ich in der Küche verbrachte, um mir abzugucken, wie man Eis macht. Übrigens habe ich meine Frau Raffaela in Deutschland kennengelernt, obwohl sie aus dem gleichen Dorf stammt wie ich, Fontanelle in der Nähe von Treviso, Venetien.

Roberto sitzt in seiner Eisdiele an einem kleinen Bistrotisch, hinter ihm ein langer Spiegel, der sich durch den ganzen Raum zu ziehen scheint.

Nach dem Jahr in Bochum bist du erst einmal nach Fontanelle zurückgekehrt?
Genau, das war 1975. Im gleichen Jahr habe ich Raffaela geheiratet und in einem Restaurant gearbeitet, in dem ich Signor Stefan kennenlernte. Ich beschloss, sein Angebot anzunehmen und übernahm das Eiscafé Stefan in Düsseldorf – am 4. März 1977 war Eröffnung.

Wusstest du zu dem Zeitpunkt, dass du ein Eiscafé in Deutschland betreiben wolltest?
Nein, überhaupt nicht! Aber ich war jung und dachte mir: Okay, ich nutze die Chance. Ich hätte aber auch in Italien bleiben können. In Venetien gibt es viel Industrie und damit gute Arbeitsmöglichkeiten. Es war also Zufall, dass ich in Düsseldorf gelandet bin.

Wie waren deine ersten Jahre in Deutschland?
Sie waren gut, ich war mit nur 20 Jahren der Geschäftsführer in einem Café. Den Gewinn habe ich seinerzeit noch mit meinem Partner Stefan geteilt. Ende der 1990er hatte ich dann den Abstand abbezahlt und habe die Eisdiele komplett übernommen. Der Name Stefan da Roberto ist aber geblieben.

Man sieht ein Polohemd,  getragen von einem Kellner. Man sieht nur das weiße Polohemd und den Aufdruck: Eiscafé Stefan, darunter Eiscafé Zollhof.

Ihr habt noch ein weiteres Lokal im Hafen, das Eiscafé Zollhof.
Das kam über meinen guten Freund Alfredo Lipari zustande, ein bekannter Gastronom in Düsseldorf. Er betrieb seinerzeit die Trattoria Zollhof, und gleich daneben war eine Eisdiele. Als sie frei wurde, habe ich sie übernommen.

Ein Laden im Hafen und einen am Worringer Platz: Unterschiedlicher könnte es hinsichtlich Lage und Publikum nicht sein, oder?
Das stimmt. Wenn ich mit meinem Auto vom Worringer Platz durch den Tunnel in den Hafen starte, kommt es mir vor, als fahre ich in eine andere Welt … (Lacht.)

Du kennst den Worringer Platz seit fast 50 Jahren. Welche Veränderungen konntest du in der Zeit beobachten?
Die ersten Schwierigkeiten begannen erst Ende der 1980er Jahre. Der Platz zog immer mehr Obdachlose und ein schlechtes Publikum an. Oberbürgermeister Erwin versuchte das später einzudämmen, indem er zunächst die Unterführung unter dem Platz dichtmachte. Die Lage verschärfte sich aber, als das Drogenhilfezentrum an der Ecke Erkrather Straße eröffnete. Dabei finde ich Drogenräume grundsätzlich gut. Richtig schwierig wurde es Anfang der 2000er, als der Worringer Platz umgebaut wurde und man die Bänke installierte.

Eigentlich als Maßnahme gedacht, um den Platz zu beleben.
Das stimmt. Es gab die Pizzeria Grüne Oase, das Glashaus, in dem Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden sollten … Das funktionierte aber nicht. Die Politik war auch nicht zufrieden mit der Umsetzung. Man hatte eigentlich einen Raum schaffen wollen, an dem sich auch Anwohner*innen mit ihren Kindern aufhalten können.

Stattdessen wurde der Platz zum Treffpunkt der Drogenszene.
Ja, leider. Und das hat sich auf die gesamte Umgebung ausgewirkt. Der Supermarkt und die Banken schlossen, genauso wie alteingesessene Geschäfte. Stattdessen kamen Kioske und Dönerläden. Es gab also keine gute Mischung mehr, viele Familien aus der Nachbarschaft zogen in andere Stadtteile und der Zulauf der Drogenszene intensivierte sich immer mehr.

All das hat dazu geführt, dass du angefangen hast, dich zu engagieren.
Ja, irgendwann hatten wir die Idee, die Bürgerinitiative Worringer Platz zu gründen. Zuvor hatte es schon den ISG (Immobilien- und Standortgemeinschaft Graf-Adolf-Straße e. V.) gegeben, der aber nicht viel erreicht hatte. Die Situation eskalierte, als Crack und Fetanyl die Drogenszene überschwemmten. Große Probleme machten vor allem Kriminelle, die in den letzten Jahren aggressiver wurden. Viele Menschen brauchen aber Hilfe: die Obdachlosen, die Drogensüchtigen und die hier gestrandeten Geflüchteten und Migrant*innen.

Man sieht ein STück des Tresens aus blank poliertem Edelstahl und darauf ein Spaghettieis mit frischen Erdbeeren.

Du weißt offenbar, mit wem du es zu tun hast.
Ja, es ist mir wichtig, mit den Menschen in Kommunikation zu bleiben. Ich kenne jeden Süchtigen, spreche die Leute an, geben ihnen zu essen und Kleidung. Ich war immer schon sehr sozial engagiert. Mit unserer Bürgerinitiative haben wir dann vermehrt Kontakt zur Stadt Düsseldorf aufgenommen, zuallererst mit OB Stephan Keller, aber auch mit Miriam Koch, Dezernentin für Kultur und Integration. Keller ist irgendwann zu uns gekommen und wollte sich persönlich ein Bild machen. Anschließend hat er versprochen, die Dinge in die Hand zu nehmen.

Das hat er tatsächlich getan. Im letzten Jahr startete das Integrationsprojekt House of Friends gleich neben deinem Café, in dem aktuell 15 Geflüchtete leben und dort Hotellerie und Gastronomie erlernen. Im März folgte eine radikale Maßnahme: Die Stadt riss die Bänke, den Glaspavillon und die Pizzeria auf dem Worringer Platz ab. Hat das etwas gebracht?
Seitdem hat sich die Situation um 180 Grad gedreht. Wir brauchen am Wochenende keine Security mehr, um unsere Gäste zu schützen. Auch die Bettler*innen sind weniger geworden und vor allem die Menschen mit hohem Aggressionspotenzial. Sie sind jetzt natürlich an andere Orte gezogen. Aber wir hoffen, dass die Politik schnell einen passenden Aufenthaltsort für sie findet. Die Stadt unternimmt aktuell sehr viel, um die Probleme des Viertels anzugehen.

Vor einigen Wochen fand bereits zum zweiten Mal der Worringer Platz Weekender statt. Steckt die Stadt hinter dem Event?
Die Bürgerinitiative war bei der Organisation treibende Kraft, aber auch viele Anwohner*innen haben sich eingebracht. Der Weekender ist ein Straßenfest, auch für Kinder und Familien, das sehr gut angekommen ist. Wir freuen uns, dass es dabei hilft, den Worringer Platz anders präsentieren zu können. Die Stadt unterstützt uns mit Fördergeldern, um die Künstleri*nnen bezahlen zu können, die das Programm des Straßenfests gestaltet haben.

Roberto hinter dem Tresen seiner Eisdiele.

Es gab und gibt − bei aller Kritik − auch einen schönen Worringer Platz?
Natürlich! Meine wunderschön begrünte Terrasse ist wie Stück Königsallee. (Lacht.) Außerdem ist der Zusammenhalt in der Nachbarschaft sehr gut. Wir unterhalten uns viel, geben die Probleme der Anwohner*innen an die Verantwortlichen der Stadt weiter und versuchen anschließend, gemeinsam Lösungen zu finden.

Langsam habe ich das Gefühl, du bist der Bürgermeister vom Worringer Platz, Roberto …
(… lacht.) Es gibt einige, die mich tatsächlich so nennen.

Was hat die Bürgerinitiative als nächstes geplant, um die Wiederbelebung des Worringer Platzes voranzutreiben?
Aktuell gibt es Treffen mit Hausbesitzer*innen im Kreativraum D, bei denen wir über Konzepte zur Verbesserung für die Umgebung und die Bekämpfung des Leerstands sprechen. Vor allem das ehemalige Bauhaus, das schon Theater, Kino und Veranstaltungsort war, soll wieder belebt und als Kulturraum genutzt werden. Die Gegend ist schon seit den 1970er Jahren eine Künstler*innenregion, und das soll auch so bleiben.

Weitere Informationen auf Instagram unter Eiscafé Stefan da Roberto.

Man blickt von außen durch die offene Tür in die Eisdiele. Links ein Anschnitt des Tresens für den Eisverkauf. Darauf ein Schild, dass die Wundertüte mit 3 Kugeln Eis anpreist.
Info

Im Eiscafé Stefan da Roberto gibt es neben original italienischem Eis und Waffeln eine sehr abwechslungsreiche Frühstückskarte. Es gibt Rührei in verschiedensten Variationen, Caprese, Bruschetta oder Ciabatta und Sandwiches vom Grill. Mittags servieren die Tomasellas Pasta und Salate. Und zum Dessert sollte man Raffaelas hausgemachte Torten probieren. Im Sommer laden Roberto und seine Frau auf ihre großzügige Terrasse ein: Aperol oder Limoncello Spritz sind nur zwei italienische Aperitifs, die auf der Karte zu finden sind. Übrigens: Bei einer Fußball-WM oder -EM stellt Roberto gleich mehrere Fernseher nach draußen, um sein Eiscafé in einen Hotspot für Fußballfans zu verwandeln.

Text: Katja Vaders
Fotos: Eugen Shkolnikov

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