Man sieht einen gelb-schwarz geschmückten Stand zum Büdchentag. In der Mittel lehnt Clemens Henle vor und hält ein Fähnchen.

Große Liebe Büdchen – Ein Gespräch mit Christian Düchtel & Clemens Henle zum Düsseldorfer Büdchentag

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„Die Büdchenkultur in Nordrhein-Westfalen hat definitiv ein Alleinstellungsmerkmal.“ (Christian Düchtel)

Das Büdchen ist zentrale Anlaufstelle aller Düsseldorfer*innen. Dort trifft sich die Nachbarschaft. Dort gibt es die legendäre gemischte Tüte. Im Büdchen gibt es auch sonntags ein paar Eier und manchmal sogar Brötchen zu kaufen. Düsseldorf ohne Büdchen? Undenkbar. Seit 2016 widmet sich einmal im Jahr der Büdchentag diesem liebenswerten Stück Alltagskultur. Dass mit Christian Düchtel ausgerechnet ein Bayer die Initiative ergriff, dem Büdchen einen Tag zu widmen, mag daran liegen, dass es in seiner Heimat keine Trinkhallenkultur gibt. Seit 2020 ist Clemens Henle mit im Vorstand des Vereins und spätestens nachdem der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz zu Gast war, ist der Büdchentag über die Grenzen Düsseldorfs bekannt. Wir haben Christian & Clemens am Fortuna Büdchen getroffen.

Was muss eine Trinkhalle haben, um zu einem Lieblingsbüdchen zu werden?
Christian: Viele Lieblingsbüdchen sind Familienbetriebe, zum Beispiel die Trinkhalle an der Schirmerstraße beim Rochusmarkt. Das Büdchen gibt es schon seit 30 Jahren und hat einen ganz speziellen Vibe. Ein weiteres Kriterium für ein Lieblingsbüdchen ist eine Außenterrasse.
Clemens: Absolute Perlen sind für mich freistehende Locations, die meist sehr traditionell geführt werden wie das Fortuna Büdchen, die Trinkhalle am Reeser Platz und Bedris Island an der Bachstraße. Wichtig ist natürlich auch die Persönlichkeit der Betreiber*innen.

Apropos Bedris Island, 2023 habt ihr mit dem Büdchentag Schlagzeilen produziert, weil der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz euch an der Bachstraße besucht hat. Wie kam es dazu?
Christian: Olaf Scholz war zum Unternehmer*innentag in Düsseldorf und hatte davor einen Time Slot, in dem er sich ein gemeinnütziges Projekt in der Stadt anschauen wollte. Er war sehr daran interessiert, wie wir auf die Idee gekommen sind und sprach von einem starken „katalysatorischen Effekt“, den er als Wirkung des Büdchentags vermutete, einem „dezentralen, ungezwungenen Stadtfest“, und er war sich sicher, dass die Veranstaltung den Menschen helfe, „über Begegnungen Spannungen aufzulösen“.

Hat dieser Besuch die überregionale Sichtbarkeit des Büdchentags erhöht?
Clemens: Auf jeden Fall! Im vergangenen Jahr haben wir uns erfolgreich mit dem Projekt Büdchen Open beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) beworben. Mit dieser Förderung haben wir seitdem Projekte wie beispielsweise den Super Happy Market, die Konferenz der Kinder, ein DJ-Picknick und eine Ausstellung im Reinraum e. V. organisieren können.

Ihr seid mit dem Büdchentag in der Stadt sehr präsent. Angefangen hat alles im Jahr 2016. Christian, du hast damals eine Initiative gegründet und den ersten Büdchentag angestoßen.
Christian: Genau, die Initiative Düsseldorfer Büdchentag. Die ersten vier Jahre waren wir ein loser Verband aus Grafikdesigner*innen, DJs, Studierenden, Freischaffenden und Gastroleuten – auch Bürgermeisterin Clara Gerlach ist Unterstützerin der ersten Stunde. Ich habe seinerzeit ein Konzept geschrieben, in das ich meine Erfahrungen aus der Veranstaltungsbranche einbringen konnte und versucht, Standards zu schaffen, die wir bis heute umsetzen.

Kannst du uns das Konzept näher erläutern?
Christian: Ich wollte an einem Tag im Jahr die Geschichten der Büdchen und ihrer Betreiber*innen sichtbar machen und gleichzeitig Künstler*innen eine Plattform bieten. Im Mittelpunkt sollten aber die Nachbarschaften als die DNA einer Stadt stehen. Ein Büdchen ist ein sozialer dritter Raum, in dem sich immer wieder Zufallsbekanntschaften ergeben. Unser Fokus lag von Anfang an auf soziokulturellen Aspekten: Niedrigschwelligkeit, Partizipation und Mobilität. Die Stadt neu kennenlernen, indem man sich bewusst von einem Ort zum nächsten bewegt.

Clemens, du bist seit 2020 dabei und ihr habt den Verein Düsseldorfer Büdchentag e.V. gegründet. Was war der Anlass?
Clemens: Christian und ich sind alte Freunde und ich kannte viele der Organisator*innen. Irgendwann hatte die Veranstaltung Büdchentag eine Größenordnung erreicht, so dass man nicht mehr als Initiative agieren konnte. Daher beschlossen wir, gemeinsam einen Verein zu gründen.
Christian: Der Büdchentag ist ein kostenloses Nachbarschaftsfest, daher sind Sponsoren, Fördergelder und unsere Kooperation mit dem Kulturamt so wichtig. Als Verein können wir da anders agieren.
Clemens: Wir mussten uns professionalisieren, obwohl wir natürlich weiterhin sehr viel ehrenamtlich machen. Der Büdchentag hat es allerdings in den letzten Jahren geschafft, ein eigener Haushaltsposten der Stadt Düsseldorf zu werden und wir konnten Sponsoren wie Sipgate und die Bürgerstiftung Düsseldorf gewinnen.

Der Büdchentag ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Wie viele Büdchen nehmen aktuell teil?
Christian: Zu Beginn waren ungefähr 20 Büdchen dabei, inzwischen sind es fast 40. Dementsprechend sind die Kosten gestiegen. Uns ist wichtig, alle involvierten Künstler*innen, Flyer und Poster, aber auch die benötigten Anlagen zu bezahlen. Bisher ist die Teilnahme nämlich für alle Büdchenbetreiber*innen kostenlos.

Wie funktioniert das eigentlich, wenn ein Büdchen teilnehmen möchte?
Clemens: Man muss uns kontaktieren − wir bringen die Büdchen mit zum Beispiel Künstler*innen zusammen, die den Tag an der entsprechenden Location mitorganisieren und kuratieren. Wir achten natürlich darauf, dass beide Seiten gut zusammenpassen.

Man spricht in Düsseldorf von einer Büdchenkultur. Auf eurer Website verweist ihr darauf, dass die Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet im Jahr 2020 als immaterielles Kulturerbe aufgenommen wurde. Inwieweit transportiert ihr das im Rahmen des Büdchentags?
Christian: Die Büdchenkultur in Nordrhein-Westfalen hat definitiv ein Alleinstellungsmerkmal. Trinkhallen sind im Zuge der Industrialisierung entstanden.
Clemens: Früher hießen sie Seltersbuden, weil dort sauberes Trinkwasser erhältlich war, wenn man vom Hochofen nach Hause ging. Später wurden die Büdchen zum Treffpunkt nach der Arbeit, um günstig ein Bierchen zu trinken.
Christian: Meiner Meinung nach funktioniert der Büdchentag bisher nur in Düsseldorf so gut, weil wir die Orte und Menschen kennen und sie deshalb zusammenbringen können. Außerdem stellen wir einen festen Rahmen für die Gesamtorganisation. Die konkrete Umsetzung bleibt allerdings den jeweiligen Organisator*innen überlassen.
Clemens: Wir machen das Marketing, organisieren die Anlagen und die Genehmigungen der Stadt. Aber wir haben auch ein offenes Auge für interessante Orte, die wir dann anfragen. Dabei hilft es enorm, dass wir in der Stadt gut vernetzt sind.

Je mehr Büdchen mitmachen, desto größer das Angebot und umso schwerer fällt es, sich zu entscheiden. Was waren denn eure persönlichen Highlights der letzten Jahre?
Clemens: Der Flohmarkt an der Volksgartenstraße in Oberbilk. Sehr schön und voll ist es auch jedes Jahr am Hip-Hop-Büdchen an der Oberbilker Allee.
Christian: Meine Highlights sind die Geschichten rund um den Büdchentag und ihre Betreiber*innen.

Und was sind die Hotspots beim diesjährigen Büdchentag?
Clemens: Definitiv der Fürstenplatz. Dort stellen wir eine Bühne auf und veranstalten den Super Happy Market mit Designer*innen aus Düsseldorf und Umgebung. Außerdem gibt es ein Kinder- und Bühnenprogramm.
Christian: Die Evangelische Kirche plant zudem, am 30. August Pop-up-Hochzeiten durchzuführen − also auch am Büdchentag an verschiedenen Locations. Daneben gibt es ganz viele andere Highlights.

duesseldorfer-buedchentag.de

Text: Katja Vaders
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Düsseldorfer Büdchentag e.V. & s. Credit
Aufmacherfoto: Clemens Henle, Foto: Johannes Boventer



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