Volker Bertelmann aka Hauschka steht hinter seinem Klavier.

Hauschka – Eine Begegnung mit Volker Bertelmann, Musiker & Oscar-Gewinner

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„Hauschka gibt mir mehr Spielraum. Wäre ich nur Volker Bertelmann, der Pianist, würde man mich schnell einordnen.“

Weltweit ist Volker Bertelmann unter seinem Künstlernamen Hauschka bekannt. Er ist Pianist, Komponist, Oscar-Preisträger – und einer der außergewöhnlichsten Klangkünstler unserer Zeit. Bertelmann lebt mit seiner Familie in Düsseldorf. Sein Studio ist in Flingern, dort entwickelt er seine Musik, darunter zahlreiche preisgekrönte Soundtracks für große Filmproduktionen. Spätestens seit er 2023 für die Filmmusik zu Im Westen nichts Neues mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, hat sich sein Leben spürbar verändert. Wir haben ihn in seinem Studio an der Ronsdorfer Straße in Flingern-Süd getroffen und erfahren, wie Hauschka auf seinen präparierten Klavieren – seinem unverwechselbaren Signature-Instrument – neue Klangwelten erschließt. Im Gespräch verriet er auch, weshalb er zwischen den Personas Hauschka und Volker Bertelmann unterscheidet und wo er Ruhe findet, wenn der Arbeitsalltag zu dicht wird.

Man sieht in ein Klavier, das speziell eingerichtet ist, um bestimmte Hauschka-spezifische Sounds zu erzeugen.

Du bist international als Komponist und Pianist bekannt und lebst in Düsseldorf. Was bedeutet diese Stadt für dich?
Düsseldorf bedeutet für mich Zuhause. Ich habe hier meine Familie und alles, was ich brauche – auf engem Raum. Die Stadt ist überschaubar, bietet aber Zugang zu Kultur auf höchstem Niveau, und wenn ich Ruhe brauche, bin ich schnell in der Natur. Das schätze ich sehr.

Du bist Initiator des Approximation Festivals, das zwischen Klassik, Avantgarde und Pop vermittelt. Du hast es vor 20 Jahren ins Leben gerufen. Hättest du gedacht, dass es so lange bestehen würde?
Nein, überhaupt nicht. Ursprünglich war es keine Festivalidee, sondern nur eine Konzertreihe mit Aron Mehzion vom Salon des Amateurs. Wir wollten Pianist*innen einladen, die in Kritiken oft mit mir verglichen wurden. Es steckte viel persönliche Neugier dahinter – ich wollte sie hören und kennenlernen. Wir nannten das Projekt Approximation sieben zu eins: sieben andere Pianist*innen und ich. Es ging darum, sich anzunähern – daher der Name. Der Salon als Austragungsort bot sich an, weil ich wollte, dass Klaviermusik auch im Club stattfindet und nicht nur unter dem Vorzeichen von Hochkultur.

Ilona Marx (li) und Volker Bertelmann sitzen im Studio beim Interview.

Ilona Marx (li) und Volker Bertelmann in seinem Studio in Flingern.

Trotz Düsseldorfs überschaubarer Größe gibt es viele internationale Netzwerke. Profitierst du von der Bekanntheit der Stadt?
Am besten gefällt mir die internationale Vernetzung, besonders in der Kunstwelt. Düsseldorf genießt weltweit hohes Ansehen. Früher wusste jeder: Düsseldorf – die Stadt von Kraftwerk. Aber es gibt viel mehr. Die Gründung des Salons etwa brachte eine DJ-Szene hervor, die heute international erfolgreich ist. Gleichzeitig ist Düsseldorf nicht New York – und muss es auch nicht sein. Das entspannte Maß an Stadt und Kultur ist genau das, was ich schätze.

Hat dich die lokale Musiktradition – von Schumann über Kraftwerk bis zur elektronischen Szene – geprägt, als du hierhergezogen bist?
Als Jugendlicher im Siegerland wusste ich gar nicht, dass Bands wie Fehlfarben so örtlich nah entstanden sind. Klar, die Tradition ist spannend, auch die Punkbewegung war wichtig. Aber ich schaue lieber nach vorne, zu den Künstler*innen, die heute relevant sind.

Man sieht das Detail eines großen Mischpults.

Du bist bekannt für deine präparierten Klaviere und den experimentellen Umgang mit Klang. Wie entstehen neue Ideen?
Im ersten Jahr, als ich unter meinem Künstlernamen Hauschka auftrat, spielte ich die Stücke noch wie auf der Platte. Bald wurde mir das langweilig. Ab dem zweiten Jahr begann ich, Konzerte zu improvisieren – ohne Plan einfach loszulegen. Bis heute habe ich über tausend solcher Auftritte gespielt. Auch beim Komponieren arbeite ich improvisatorisch: Wenn ich etwa ein Stück über den Rhein schreiben möchte, versuche ich, mich vom Thema zu lösen. Fokussiert man zu sehr darauf, engt man sich ein. Die Improvisation schafft neue Räume.

Man sieht die Tastatur eines Klaviers der Marke Zimmermann. Der Schriftzug ist ebenfalls zu sehen.

Wie überführt man Emotionen in Klänge?
Meine Stücke sind tief in mir verwurzelt. Manche handeln von Sehnsucht, andere von philosophischen Fragen: Was macht man mit Einsamkeit? Mit Freude? Ich versuche, diese Gefühle beim Komponieren zu bewahren und weiterzugeben. Es berührt mich, wenn Menschen darauf reagieren, sich entspannen oder ein Gefühl von Verbundenheit spüren.

Internationale Auszeichnungen, speziell der Oscar 2023 für Im Westen nichts Neues, haben sicherlich vieles verändert. Wie erlebst du das?
Natürlich ergeben sich besondere Einladungen und Begegnungen – ich treffe Idole wie Harrison Ford oder Meryl Streep. Das genieße ich, ohne es in sozialen Medien zu teilen. Gleichzeitig verändert sich im Alltag zunächst wenig. Oft entsteht erst einmal eine Leere: Menschen, die vorher Aufträge gaben, denken, man wolle nicht mehr mit ihnen arbeiten, und neue Interessent*innen sind noch nicht da. Bei mir zeigte sich der Effekt erst 2025, zwei Jahre nach dem Oscar.

Ein Portrait von Volker Bertelmann, der an der Kamera links vorbeiguckt und lächelt.

Auf deiner Webseite unterscheidest du zwischen Volker Bertelmann und Hauschka. Warum?
Hauschka gibt mir mehr Spielraum. Wäre ich nur Volker Bertelmann, der Pianist, würde man mich schnell einordnen. Hauschka ist mein Bandprojekt. Volker Bertelmann steht für Komposition und Filmmusik, zum Beispiel auch für Soundtracks, die nichts mit Hauschka zu tun haben.

Wenn du in Düsseldorf Freunde empfängst, wo gehst du gern essen?
Ich gehe gerne ins Olio – antizyklisch, um nicht warten zu müssen –, aber auch ins Em Brass oder Octopussy. Von den japanischen Restaurants liebe ich das Takumi. Suppen sind mein Soulfood.

Wo kannst du besonders gut abschalten?
Ich fahre oft nach Mettmann ins Neandertal. Die Hügel und Wälder erinnern mich an meine Heimat im Siegerland. Als Kind bin ich oft tagelang gewandert, mit Rucksack und Proviant. Beim Laufen kann ich richtig abschalten.

Volker Bertelmann steht im Studio, im Hintergrund sieht man Keybords und weitere Tasteninstrumente.

Woran arbeitest du aktuell?
Momentan an zwei Filmen: Panic Carefully mit Julia Roberts und Eddie Redmayne sowie Pressure mit Brendan Fraser. Beide sind fast fertig. Dazu habe ich noch vier weitere Projekte vor mir.

Gibt es jemanden, mit dem du gerne zusammenarbeiten würdest?
Ich würde sehr gerne mit Denis Villeneuve arbeiten. Ich finde ihn sehr nett.

hauschka-net.de

Welcher Art ist das Approximation Festival? Und wann findet es statt?

Das Approximation Festival findet jedes Jahr im Herbst statt. Volker Bertelmann und Aron Mehzion, Mitgründer des Salon des Amateurs, haben das Festival 2005 ins Leben gerufen. Dabei stand zunächst das Klavier im Fokus. Es hat sich zu einem Festival entwickelt, das für Vielfalt und Experimente in verschiedenen musikalischen Genres steht.
Das nächste Approximation Festival findet vom 27. bis 29. November 2026 statt.

Weitere Informationen unter approximation-festival.de.

Text: Ilona Marx
Fotos: Eugen Shkolnikov

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