
10 Jahre Sammlung Philara – Düsseldorfs Space für Gegenwartskunst
Flingern
„Philara soll ein Ort sein, an dem man sich einfach gerne aufhält, an dem man Freund*innen trifft, neue Leute kennenlernt und dabei in unsere Ausstellungen eintaucht.“ (Hannah Niemeier)
Seit zehn Jahren prägt die Sammlung Philara die Düsseldorfer Kunstszene. Location: Ein ehemaliger Industriebau, ein Hinterhof voller Ideen und ein Programm, das sich nicht festlegen lässt. Als cooler Ort für internationale Gegenwartskunst, aber auch als Raum für Austausch, Begegnung und neue Perspektiven. Die Birkenstraße in Flingern hat sich längst zu einem der lebendigsten Zentren für zeitgenössische Kunst entwickelt und mittendrin: die Sammlung Philara. Ein Blick auf ein Ausstellungshaus, das bewusst anders arbeitet.

Hannah Niemeier, Kuratorin der Sammlung Philara (Foto: Susanne Diesner)
Die Sammlung Philara feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen und hat sich in dieser Dekade zu einem Ort entwickelt, an dem Kunst immer wieder neue Perspektiven eröffnet. Das öffentliche Ausstellungshaus in einem Industriebau im Hinterhof der Birkenstraße inspiriert mit wechselnden, oft überraschenden Ausstellungen. Neben künstlerischen Positionen finden aber auch Konzerte, Performances, Talks oder ungewöhnliche Formate statt. Eine Rollerskate-Disco in der leeren Halle gehört ebenso dazu wie eine Voguing-Nacht oder Lesungen – und mit dem Bulle Bistro samt Weinbar ist es eine Adresse, an der sich Kunst und Kulinarik verbinden. Die Sammlung Philara ist ein Kunstraum, der offen gedacht ist, auch für Menschen, die sich in klassischen Museen nicht direkt angesprochen fühlen.

Blick in die Ausstellung Heimspiel, Simon Ertel: Love is in the Air von 2026; (Foto: Susanne Diesner)
„Wir denken interdisziplinär und wollen neue Verbindungen schaffen. Denn Kunst kann vieles, aber nicht alles – und das ist auch gut so“, sagt Kuratorin Hannah Niemeier, die seit sieben Jahren Teil des Teams ist und seit März die künstlerische Leitung der Sammlung innehat. „Philara soll ein Ort sein, an dem man sich einfach gerne aufhält, an dem man Freund*innen trifft, neue Leute kennenlernt und dabei in unsere Ausstellungen eintaucht.“
Eine Sammlung, die sich öffnen wollte
Am Anfang des Philara-Universums stand eine private Leidenschaft. In den 1990er Jahren begann der Unternehmer Gil Bronner, Kunst zu sammeln. Zunächst im kleinen Rahmen, aus persönlichem Interesse. Mit der Zeit wuchs die Sammlung, in der Arbeiten von Künstler*innen wie Andreas Gursky, Katharina Fritsch, Thomas Ruff und internationalen Positionen wie Rashid Johnson vertreten sind. Damit einher ging der Wunsch, Kunst nicht nur zu besitzen, sondern zu teilen. Erste Ausstellungen organisierte Gil Bronner bereits 2008 in der ehemaligen Leitz-Fabrik in Düsseldorf-Reisholz. Dort entwickelte sich ein enger Austausch mit Künstler*innen, vor allem der Kunstakademie, und damit die Idee, in Düsseldorf einen festen Ort für zeitgenössische Kunst zu etablieren.

Heimspiel in der Sammlung Philara (Foto: Susanne Diesner)
Mit dem Erwerb und Umbau der ehemaligen Glaserei Lennarz in Flingern und der Eröffnung im Jahr 2016 wurde aus dieser Idee schließlich Wirklichkeit. Heute zeigt die Sammlung Philara auf rund 1.700 Quadratmetern internationale Gegenwartskunst und Teile der privaten Sammlung Gil Bronners mit über 1.800 Werken. Der Name Philara ist übrigens eine Wortschöpfung, die den griechischen Wortstamm phil für Liebe mit ars, dem lateinischen Wort für Kunst verbindet und dabei gleichzeitig die Vornamen von Bronners Kindern in sich trägt: Phil und Lara.
Industrie trifft Kunst
Die industrielle Vergangenheit der alten Glaserei ist in den Ausstellungsräumen sichtbar geblieben. Hohe Hallen mit fast zehn Metern Deckenhöhe treffen auf rohe Materialien, im Raum steht ein alter Kran, die Säulen tragen noch Inschriften der Glaserei. In der ersten Etage gibt es Räume mit Tageslicht, in denen das Verhältnis von innen und außen durchlässiger wird. „Die Sammlung Philara ist nicht einfach nur ein White Cube. Hier herrschen sehr unterschiedliche Stimmungen und so passen sich Arbeiten oft an die Räume an“, beschreibt Hannah Niemeier die Besonderheit der Architektur.


Links: Min-Hae Sohn: Once upon a time there was brotherhood (2023) / Rechts: Magdalena Frauenberg: Figur 2 (2025); (Foto: Tino Kukulies)
Viele Ausstellungen entstehen im direkten Austausch, oft arbeiten die Kunstschaffenden vor Ort und reagieren auf die besonderen Räume. Ein Highlight ist auch die Dachterrasse: Es öffnet sich ein idyllischer Skulpturengarten mit Blick über Flingern, in dem Arbeiten von Künstler*innen wie Kris Martin, Dan Graham, Leunora Salihu oder Álvaro Urbano zu entdecken sind.

Sammlung Philara bei Nacht (Foto: Susanne Diesner)
Dass die Sammlung Philara in Flingern ansässig ist, war ursprünglich kein strategischer Plan, sondern eher ein glücklicher Zufall. Heute wirkt es wie die einzig richtige Entscheidung. Rund um die Birkenstraße hat sich in den vergangenen Jahren eine dichte Kunstlandschaft entwickelt; mit Galerien und Off-Spaces wie Basedonart, Van Horn, Rupert Pfab, Lucas Hirsch, Kadel Willborn oder Konrad Fischer sowie Projekträumen wie Aura oder Nexus, die die Sammlung umgeben und das Viertel zu einem der lebendigsten Orte für Gegenwartskunst in Düsseldorf machen. Im selben Hinterhof wie die Philara befinden sich unter anderem die Filmwerkstatt und das IMAI (Inter Media Art Institute). „Es ist ein sehr freundschaftliches Zusammenleben“, sagt Hannah Niemeier über die kreative Nachbarschaft. „Man tauscht sich aus, entwickelt Ideen und merkt oft, dass ähnliche Themen parallel entstehen.“
Sammlung Philara – mehr als ein Museum
Die Sammlung setzt inhaltlich auf Experimente, in denen Kunst immer wieder neu verhandelt wird. Sie verbindet junge Positionen mit etablierten Namen. Ausstellungen entstehen aus unterschiedlichen Impulsen heraus. Mal ist es ein Thema, das sich aus dem Ort ergibt – wie bei Melting Sands, einer Ausstellung zu Glas in der Kunst, inspiriert von der Geschichte des Gebäudes. Mal sind es Kooperationen, etwa mit der Kunstakademie oder der Fotografie-Biennale Düsseldorf Photo+. Und manchmal sind es einfach kuratorische Ideen, die umgesetzt werden wollen. Dieser Freiraum zeigt sich auch im aktuellen Programm. Die Einzelausstellung echoes von Stefan Brüggemann beschäftigt sich mit Sprache, Zeichen und deren Wirkung.

Installationsansicht echoes von Stefan Brüggemann (Foto: Susanne Diesner)
Zum zehnjährigen Bestehen richtet sich der Blick auch auf das eigene Haus. Die Gruppenausstellung Heimspiel versammelt Arbeiten von Menschen, die sonst hinter den Kulissen arbeiten: als Aufsicht, in der Technik, am Empfang oder beim Aufbau. „Oft geht es in Institutionen um Direktor*innen oder Kurator*innen, aber viel zu selten um die Menschen, die das Ganze wirklich möglich machen“, sagt Hannah Niemeier.

Stefan Bauer*: IMG_2223 von 2025, (*deadname)
„Die Ausstellung versteht sich auch als Möglichkeitsraum, in dem verhandelt wird, wer Zugang zu solchen Orten hat – und wer überhaupt die Chance bekommt, auszustellen.“ Und sie zeigt, wie vielfältig Perspektiven sind. Von Malerei über Installationen bis hin zu Wandarbeiten ist alles vertreten. Viele Werke sind speziell für die Räume entstanden und setzen sich direkt mit der Architektur auseinander. So entsteht ein sehr persönlicher Blick auf die Sammlung Philara. Einer, der zeigt, dass hinter einem Ausstellungshaus vor allem Menschen stehen.
Zugang für alle
Diese Haltung setzt sich auch im Umgang mit den Besucher*innen fort. Die Sammlung versteht sich als offener Ort, an dem sich möglichst viele willkommen fühlen sollen. Ein wichtiger Baustein dafür ist der Eintritt, bei dem Besucher*innen selbst entscheiden, ob und wie viel sie zahlen möchten. „Uns ist es wichtig, Barrieren abzubauen“, sagt Hannah Niemeier. Zehn Jahre Philara sind für sie auch ein Anlass, nach vorne zu schauen: „Ich würde mir wünschen, dass man nicht nur kommt, um Kunst zu erleben, sondern auch einen Moment der Ruhe findet – um zwei Stunden abzuschalten und den Alltag draußen zu lassen.“

Kim Stolz: 12:46 (2025); (Foto: Katharina Alba Huck)
Ein besonderer Höhepunkt im Jubiläumsjahr steht noch bevor: Im Sommer gibt es eine große Sammlungspräsentation anlässlich des zehnjährigen Bestehens. Die Ausstellung soll einen umfassenden Einblick in die Sammlung geben und zugleich neue Perspektiven eröffnen, ergänzt durch ein eigens entwickeltes Schauspiel, das voraussichtlich im Zeitraum zwischen Ende Juni und Anfang Juli in den Räumen aufgeführt wird. Und genau deshalb lohnt sich der Weg in diesen Hinterhof immer wieder.

Hat die Sammlung Philara Öffnungszeiten wie andere Museen auch?
Nein, die Sammlung Philara ist kein Museum, sondern eine Privatsammlung. Die Öffnungszeiten sind am Wochenende: Freitag von 16 bis 20 Uhr sowie Samstag & Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Es gibt auch keinen festen Eintrittspreis. Es gilt das Pay-what-you-wish-Prinzip. Das bedeutet: Besucher*innen entscheiden selbst, ob und wie viel sie zahlen möchten.
Die aktuellen Ausstellungen Heimspiel und echoes laufen bis zum 17. Mai 2026.
Text: Karolina Landowski
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung der Sammlung Philara
Aufmacherfoto: Gil Bronner, Hannah Niemeier, Benita von Puttkamer, Katharina Köster, Ruben Smulczynski (v.r.n.l.), Foto: Susanne Diesner



