Kalle Wahle, Organisator des CSD Düsseldorf, in seinem kunterbunten Ateilier, sitzt an einem Tisch. Im Hintergrund hängen unzählige Karnevalsorden.

Zu Besuch bei Kalle Wahle, Organisator CSD-Düsseldorf, Talkmaster & Urgestein

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„Solange auf dem Schulhof, in der Arena oder am Arbeitsplatz der Begriff schwule Sau immer noch ein Schimpfwort ist, müssen wir demonstrieren.“

Kalle Wahle ist Organisator des CSD Düsseldorf. Er hat eine Radiosendung bei Stream-D und veranstaltet regelmäßig den Talk Der Blaue Montag, demnächst in der neuen Location Graf 39. Mehr Düsseldorfer Urgestein als Kalle Wahle ist kaum möglich: Er war Präsident der Tonnengarde und hat in der Prinzengarde getanzt. Wir haben ihn in seinem Atelier besucht, seine unzähligen Prinzenorden bestaunt und erfahren, dass er lieber selbst kocht, statt ins Restaurant zu gehen.

Im Atelier von Kalle Wahle, Organisator des CSD Düsseldorf.

Kalle, du bist Organisator des CSD Düsseldorf. Was erwartet die Besucher*innen 2026? Gibt es in diesem Jahr etwas Neues?
Grundsätzlich gibt es Bewährtes, weil wir der Auffassung sind, dass man das Rad nicht jedes Jahr neu erfinden kann und muss. Die Vielfalt kommt durch die zahlreichen Gruppen und Vereine, die die Demonstration mitgestalten. Außerdem sind in diesem Jahr tatsächlich mehr Schulen dabei, was wirklich toll ist. Die Schulen positionieren sich mit ihrer Teilnahme klar gegen die Idee von rechts, dass man Teenagern außer der klassischen Familie mit Vater, Mutter und Kind keine alternativen Lebensmodelle vermitteln dürfe.

Der CSD Düsseldorf bedeutet nicht nur eine Demonstration, sondern auch Straßenfest, Partys, eine Parade, und sogar ein Gottesdienst findet im Rahmen des CSD statt. Wie finanziert ihr das alles?
Ich muss zuerst noch mal auf die Schulen zurückkommen. Denn solange auf dem Schulhof, in der Arena oder am Arbeitsplatz der Begriff schwule Sau immer noch ein Schimpfwort ist, müssen wir demonstrieren. Wenn wir alle erreicht haben, dann können wir eine Parade machen. Und nun zur Finanzierung: In den vergangenen Jahren wurden wir mehr von der Wirtschaft gesponsert, und da vor allem von den Stadtwerken Düsseldorf und Vodafone. Und in diesem Jahr ist zum Beispiel Henkel zum ersten Mal als Förderer dabei. Hervorheben kann ich auch noch L’Oréal, die den Dachverband CSD Deutschland schon seit Jahren unterstützen. Als Düsseldorfer Unternehmen sind sie in diesem Jahr aber auch mit einem eigenen Truck dabei.

Welche Events wird es neben dem Demozug noch geben?
Die große Party findet im Tor 3 statt. Leider gibt es immer wieder Trittbrettfahrer, die sich dranhängen und ebenfalls CSD-Partys machen. Daher bitte merken: Bitte geht ins Tor 3, das ist die offizielle CSD-Party. Am Sonntag haben wir dann auf dem Straßenfest am Johannes-Rau-Platz eine Neuerung: Es werden mehrere Chöre auftreten. Damit wollen wir auch ein anderes Publikum ansprechen. Mit dabei sind unter anderem die Academy Gospel Singers und der Kneipenchor Altbierstimmen.

Seit wann bist du beim CSD in der Organisation aktiv?
Voll verantwortlich bin ich seit 2009. Ich war davor aber schon als Demo-Macher dabei. Um 2009 herum hat es einen kleinen Umbruch gegeben, und ich kam um die Ecke mit einer großen Klappe und meinem Erfahrungsschatz aus dem Karneval. Aus diesen Zeiten kenne ich viele Künstler*innen, Leute aus der Verwaltung und aus der Politik. 2009 habe ich den CSD dann mit einigen Vertrauten und Freund*innen ziemlich eigenständig organisiert. Da waren erst mal viele, die gesagt haben: „Was soll das werden?“ Nach dem CSD hieß es dann aber, wie toll der Tag war. Und es kamen immer mehr Leute, die helfen wollten. Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Wäre es schiefgegangen wäre, wäre ich der Depp gewesen, und auf einmal waren alle die Gewinner*innen.

Du machst den Job schon sehr lange. Was ist das Besondere für dich daran, und was motiviert dich, auch mit 77 Jahren noch so viel Engagement hineinzustecken?
Wenn ich es nicht täte, würde ich im Hofgarten sitzen und Enten füttern oder nachmittags Bauer sucht Frau gucken. Es hält meinen Geist wach, und ich komme mit vielen Menschen in Kontakt. Das ist mir sehr wichtig, und daraus schöpfe ich viel. Außerdem fliegt mir vieles zu, weil ich in der Stadt sehr gut vernetzt bin, 1.000 Leute kenne und alle wissen, dass man sich auf den Kalle verlassen kann.

Wir sitzen in deinem Atelier. Was machst du, wenn du nicht mit der Organisation des CSD Düsseldorf beschäftigt bist?
Ich gestalte hier ein wenig Kunst und habe bei Stream-D eine Radiosendung. Da bin ich als Gast mit einer Kolumne reingerutscht, weil ich Düsseldorfer Platt spreche. Seitdem habe ich eine eigene Sendung: Weeß do dat noch? Das mache ich wahnsinnig gerne, quatschen kann ich ja. Dann habe ich noch meine Live-Talkshow: Der Blaue Montag. Ich lade die Leute zum Plaudern und Vernetzen ein. Die nächsten Ausgaben werden in dem neuen Kunstclub Graf 39 stattfinden. (Graf 39 steht für Graf-Adolf-Straße 39. // Anm. d. Red.)

Du hast viele Talente, du moderierst, organisierst, schreibst und baust Netzwerke auf. Was hast du beruflich gemacht?
Ich habe mein Leben beruflich völlig vergeigt, würde ich sagen. Ich sollte in die Fußstapfen meines Vaters treten, der einen Installationsbetrieb hatte. Da wollte ich aber eigentlich nie wirklich hin. Ich habe dann eine Ausbildung als technischer Zeichner gemacht, lustlos und erfolglos studiert und dann im kaufmännischen Bereich gearbeitet, bis mein Vater sagte: „Du kommst jetzt in die Firma.“ Kurz darauf ist er gestorben, und ab da führte ich die Firma weiter, bis ich von mehreren Menschen nicht das bekam, was mir zustand. Als dann die Insolvenz durch war, hatte ich endlich das Gefühl, frei zu sein. Es war, als hätte ich Flügel bekommen. In der Phase war ich elf Tage im Kloster bei den gastfreundlichen Benediktinern in Meschede und habe mich selbst gesucht und gefunden. Das war sehr, sehr schön. Eine gute Zeit für mich.

Aber nicht nur dein beruflicher Weg war ungewöhnlich, auch privat bist du keinen geraden Weg gegangen.
Auf jeden Fall. Ich habe 1970 eine Frau geheiratet, die ich wirklich geliebt habe. Wir haben uns ganz klassisch in der Tanzschule kennengelernt. Da rückten all die Dinge, die ich in der Pubertät erlebt hatte, in den Hintergrund, die waren für mich erst mal weg. Außerdem hatte Doktor Sommer in der Bravo geschrieben: „Das hört auf, wenn du ein nettes Mädchen heiratest.“ War aber natürlich nicht so. Meine Ehe war nach 20 Jahren zu Ende, und ich bekam tatsächlich das Sorgerecht, weil unser Sohn das so entschieden hatte.

Kalle Wahle (links) und Clemens Henle im Interview.

Kalle Wahle & Clemens Henle (re) im Interview.

Wie war das als alleinerziehender, schwuler Vater in den 90er-Jahren?
Ich bin schon eher bi als schwul. Aber zu deiner Frage, erstmal musste ich den Familienrichter überzeugen, dass mein Sohn bei mir bleibt. Und natürlich war mein Leben auf den Kopf gestellt, denn ich hatte auf einmal ein kleines Pubertier am Bein und musste erst mal an die Kochtöpfe. Fastfood gab es bei mir nicht! Zu der Zeit hätte ich Prinz Karneval werden können, doch das war mir zu heiß. Ich wollte nicht, dass meinem Sohn auf dem Schulhof nachgerufen wird: „Dein Vater ist eine schwule Sau.“ Ich habe mich ohnehin sukzessive geoutet, Also nicht mit einem Knall in der Zeitung, sondern wirklich nach und nach bei der Familie, dann bei Freund*innen und zum Schluss in der Öffentlichkeit.

Kalle Wahle trägt einen orangefarbenen Hoodie und steht zwischen zwei Wänden, die voller Karnevalsorden hängen.

Du bist dem Karneval fest verbunden, warst Präsident der Tonnengarde und hast in der Prinzengarde getanzt. Hinter dir hängen Prinzenorden aus 50 Jahren Düsseldorfer Karneval. Bereust du es, nicht Prinz gewesen zu sein?
Nein, ganz und gar nicht. Das bereue ich nicht. Ich muss nicht mit meinem eigenen Orden an der Wand hängen. Mein Sohn, den wir seinerzeit als Wunschkind in die Welt gesetzt hatten, war mir wichtiger!

Du bist in der Stadt viel unterwegs. Wo gehst du in Düsseldorf gerne hin?
Ich bin kein Kneipengänger. Außerdem koche ich gerne und gut, daher gehe ich selten ins Restaurant. Wenn, gehe ich gerne in die Brauhäuser Schumacher, Füchschen, Schlüssel oder Uerige. Dort, wo man ein leckeres Bier bekommt. Im Brauhaus darf es für mich auch mal eine deftige Haxe sein. Außerdem mag ich Boulevard und beusche sehr gerne das benachbarte Theater an der Luegallee, und auch das Theater an der Kö. Dorthin habe ich einen super Draht und eine gute Freundschaft zu Robby Heinersdorf (René Heinersdorff, Leiter des Theaters. // Anm. d. Red.). Mein Sohn hat dort seine Ausbildung gemacht. So ist der Kontakt entstanden.
Von dort bekomme ich auch oftmals die Schauspieler*innen, die mich dann zu den Talks im Radio und bei Der Blaue Montag besuchen.
Irgendwie schließen sich in unserem schönen Dorf am Rhein die Kreise.

kallewahle.de

Wann findet der CSD Düsseldorf statt?

Der CSD Düsseldorf startet am 4. Juni mit dem Film „Pride“ im Open-Air-Kino. Am Freitag, 5. Juni, findet der jährliche ökumenische CSD-Gottesdienst statt und die offizielle CSD-Party „Sensation Pink“ läuft am Samstag im Tor 3.
Noch Fragen? Alle Infos findest du unter csd-d.de.

Text: Clemens Henle
Fotos: Uwe Kraft

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