Christiane von Fragstein steht hinter einer "ZuhörBank" ihrer Initiative zuhören draussen. Die Bank steht am Rathausufer Düsseldorf.

Wir müssen reden! – Wie die Initiative zuhören draussen Menschen ins Gespräch bringt

|

„Ich denke, es wirkt sehr einladend, Menschen zu begegnen, die offen sind und freundlich – die Zeit haben und einfach da sind, um zuzuhören und zu plaudern.“ (Christine von Fragstein)

Die Initiative zuhören draussen folgt dem charmanten Motto: „Setzen Sie sich gerne dazu!“. Die freundliche Aufforderung ist auf öffentlichen Bänken im gesamten Stadtgebiet zu entdecken. Welche besondere Einladung sich hinter dem Schriftzug verbirgt, gibt ein QR-Code preis. Wer ihn scannt, gelangt zum Terminkalender der Zuhör.Bänke. Und der ist mit Beginn der Schönwetterzeit gut gefüllt.

Man sieht eine Bank aus dunklem Holz und an den Seiten mit  geschwungenen Lehnen aus Metall. Auf der Bank steht: Setzen Sie sich gerne dazu! Außerdem lehnt ein orangefarbenes Pappherz auf der Sitzfläche mit der Aufschrift: Ich höre dir zu.

Zuhör.Bank am Lindenplatz in Flingern. (Foto: Anne Orthen)

Was verbirgt sich hinter der Initiative?

In Düsseldorf gibt es mittlerweile 16 Zuhör.Bänke. zuhören draussen heißt die ehrenamtliche Initiative, die sich hinter dem Projekt verbirgt. Die Idee ist ebenso naheliegend wie überzeugend: Mit den Mitmenschen dort ins Gespräch kommen, wo man einander über den Weg läuft, im öffentlichen Raum. Dadurch soll nicht nur die Nachbarschaft gestärkt werden, sondern das gesellschaftliche Miteinander im Allgemeinen. „Wir kamen aus der Pandemie mit ihrer ganzen Spaltung und hatten das Gefühl, dass Zuhören als Kompetenz für mehr Zusammenhalt total unterschätzt wird.“ Christine von Fragstein ist Initiatorin von zuhören draussen. Im Sommer 2021 ist sie mit einer kleinen Gruppe Ehrenamtlicher in das soziokulturelle Abenteuer gestartet. „Wir glauben, dass es wichtig ist, uns erstens offen zu begegnen, zugewandt und freundlich, und zweitens andere Meinungen zuzulassen – auch mal aus unseren Blasen rauszukommen und Menschen aus anderen Lebensumständen kennenzulernen.“

Drei Frauen stehen hinter einer "Zuhör.Bank" in Flingern und halten gemeinsam ein orangfarbenes Herz aus Pappe, auf dem steht: Ich höre dir zu.

Christine von Fragstein (re) mit Klaudia Zepunkte, Bürgermeisterin Düsseldorf Nord (li) und eine Zuhörerin in Flingern. (Foto: Anne Orthen)

Zuhör.Bänke in den Stadtvierteln

Zu Beginn waren es einige wenige, die sich an wechselnden Orten zum Zuhören verabredeten, in der Hand ein Schild, das die Quintessenz formulierte: „Ich höre dir zu!“ oder auch „Komm ins Gespräch mit mir!“. Die Schilder mit der klaren Botschaft sind geblieben, die Initiative ist schnell gewachsen: 2022 wurden die Zuhör.Bänke ins Leben gerufen und damit feste Orte der Begegnung geschaffen – jeder Düsseldorfer Stadtbezirk hat heute seine eigene Bank, mindestens. „Bis auf Gerresheim, dort nutzen sie einen mobilen Zuhörtisch“, sagt Christine von Fragstein. 60 bis 80 ehrenamtliche Zuhörer*innen sind aktuell in Düsseldorf aktiv, die Kartei umfasst weitere Unterstützer*innen. Mitmachen kann jede*r, von der Studentin bis zum Rentner, und niemand ist auf sich allein gestellt, denn Zuhören ist Teamwork. Die Gespräche finden unter vier Augen statt, jedoch in Sichtweite voneinander – sei es an der Rheinuferpromenade oder im Zoopark, auf dem Oberbilker Markt, dem Gertrudisplatz in Eller oder dem Barbarossaplatz in Oberkassel. An all diesen und weiteren öffentlichen Orten finden sich Zuhör.Bänke. Die Bank ist Konzept, doch für die Wintermonate gibt es Ausweichquartiere, außerdem als feste Institution den Zuhör.Raum in der Zentralbibliothek im KAP1. Rund ums Jahr ist er samstags für zwei Stunden geöffnet.

In der Zuhör.App findet man alle Informationen und Termine.

Über die Zuhör.App Gesprächspartner*innen finden

2025 wurde außerdem die Zuhör.App eingeführt. Sie vernetzt sämtliche Akteur*innen und vereinfacht die Organisation – und das über Stadtgrenzen hinweg. Denn klickt man sich durch die Termine, die in der App anzeigt werden, wird deutlich: Zuhör.Bänke gibt es nicht nur in Düsseldorf, sondern mittlerweile in 14 deutschen Städten, darunter Köln, Bonn, Hannover, Münster oder auch Berlin. „Das ist alles aus Düsseldorf heraus entstanden“, sagt Christine von Fragstein.

Von Höcksken auf Stöcksken

Die Gesprächsthemen sind vielfältig, wie auch die Dialogpartner*innen. Die Gesprächsinhalte werden vertraulich behandelt. „Die Leute erzählen aus ihrem Leben, äußern ihre persönlichen Sorgen oder Frust über politische Entwicklungen. Sie stellen sich existenzielle Fragen oder berufliche: ‚Behalte ich meine Arbeit? Werde ich durch KI ersetzt?‘ Es geht aber auch um freudige Ereignisse wie die Geburt eines Enkelkindes.“ Einsamkeit, ergänzt Christine von Fragstein, die hauptberuflich als Coach und Trainerin in der Filmbranche arbeitet, sei übrigens keineswegs der alleinige Beweggrund, sich einem bis dato unbekannten Gegenüber mitzuteilen. Teils gehe es schlicht um die Freude am Austausch. „Probiert es aus: So ein Gespräch ist ein Gewinn für beide Seiten. Wir sind so sehr im Senden-Modus, nicht nur auf Social Media. Dabei ist Zuhören wichtig fürs Brückenbauen – und weil es uns einfach mal guttut.“

Plaudern aus Prinzip

„Bei zuhören draussen geht es vor allem um offenes, zugewandtes Zuhören. Wir sind keine Berater*innen, wir sind keine Coaches, sondern ganz normale Bürger*innen für Bürger*innen.“ Dennoch sei es wichtig, Vertrauen aufzubauen – und manchmal auch, ein Gespräch höflich zu beenden, sollte man sich als Zuhörer*in unwohl damit fühlen.
„Dialog- und auch Streitkultur gehören zur Demokratie – zu einem Demokratieverständnis, das darauf dringt, dass wir uns alle wieder mehr und besser verständigen“, sagt Christine von Fragstein und ergänzt: „Ich glaube, zuhören draussen ist nicht umsonst in Düsseldorf gestartet. Wir sind hier in der Joseph-Beuys-Stadt. Laut Beuys und seinem Konzept der sozialen Skulptur ist jede Intervention im öffentlichen Raum politisch. Für uns bedeutet das, sich für das gesellschaftliche Miteinander in der Stadt einzusetzen.“ Christine selbst stammt vom Bodensee, lebt aber seit zwanzig Jahren in Düsseldorf.

Oberbürgermeister Keller sitzt auf der "Zuhör.Bank" am Rathausufer.

2024: Auch Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller unterstützt die Initiative zuhören.draußen. (Foto: Michael Lübke)

Ein Leuchtturmprojekt

zuhören draussen ist eine Erfolgsgeschichte. Nach dem Start als kleine Bürgerinitiative arbeiten neben den zahlreichen Ehrenamtlichen auch drei Festangestellte und acht freie Mitarbeiter*innen für die gemeinnützige GmbH, die unter anderem von der Stadt Düsseldorf und dem Land NRW unterstützt wird. Gerade hat man ein neues Büro bezogen, und das laufende Jahr verspricht weitere Aufmerksamkeit für das Projekt, denn zuhören draussen ist nominiert für den Engagementpreis NRW 2026. Doch was zeichnet gutes Zuhören aus? „Gutes Zuhören ist für mich die Fähigkeit, einmal rechts ranzufahren und einer anderen Person Raum zu geben – und das wird überall sehr dankbar aufgenommen“, sagt Christine von Fragstein.

FAQ – Häufig gestellte Fragen
Wie vereinbare ich eine Verabredung auf einer Zuhör.Bank?

Du findest an der Zuhör.Bank in deiner Nähe einen QR-Code, über den du einen Termin buchen kannst. Außerdem bietet die Website eine Übersicht und gleichzeitig Zugang zu den Terminen. Auch über die App kann man sich gezielt verabreden, doch viele Gespräche ergeben sich nach wie vor spontan, wenn Menschen die Schilder sehen, stehen bleiben und Fragen stellen.

Ist Deutsch die einzige Sprache, auf der man sich unterhalten kann?

Nein, kommuniziert wird nicht nur auf Deutsch, manchmal ist Englisch das Mittel der Wahl oder man landet bei einer dritten Sprache. „Durch die Evaluation wissen wir, dass auch viele internationale Gäste zu uns auf die Bänke finden. Leute, die sich vielleicht wegen eines Jobs vorübergehend in Düsseldorf aufhalten, Studierende aus dem Ausland oder Menschen, die Migrationshintergrund haben.“ Auch die Ehrenamtlichen hätten teils einen mehrsprachigen Hintergrund, erklärt Christine von Fragstein.

Wie werde ich aktive*r Zuhörer*in?

Durchschnittlich zweimal im Monat sollte man anderthalb bis zwei Stunden ins Ehrenamt investieren können. Feste Patinnen und Paten sind Ansprechpersonen, interne Schulungen erleichtern den Einstieg, ergänzt um regelmäßige Weiterbildungsangebote. Unerlässlich sind Zeit und Zuverlässigkeit und wie Christine von Fragstein erklärt: „Toleranz, Offenheit, Neugier. Die Bereitschaft, einer anderen Person unvoreingenommen zu begegnen und sich auch mal selbst überraschen zu lassen.“

Neugierig? Weitere Informationen unter zuhoeren-draussen.de.

Text: Eva Westhoff
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von zuhören draussen.

Jetzt zum Newsletter anmelden und keine Neuigkeiten mehr verpassen