
Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf – Geschichte für alle
Die Rolle von Inklusion & Diversität in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Zeit des Nationalsozialismus in Düsseldorf zu dokumentieren und aufzuarbeiten, indem sie Geschichte über die Biografien von Opfern und Täter*innen erlebbar macht. Zudem möchte man das Haus, das sich in einem der geschichtsträchtigsten Gebäude der Stadt befindet, für alle zugänglich machen. Daher ist für Frederike Krenz, Leiterin Inklusion in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, vor allem die Integration von Menschen mit Behinderung sehr wichtig.

Ab 1926 war das Gebäude an der Mühlenstraße Sitz des Polizeipräsidiums. Foto: Stadtarchiv
An der Mühlenstraße, im Herzen der Altstadt mit Blick auf den Burgplatz, ist der Eingang der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Der Ort, an dem man die Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert. Die Räumlichkeiten des eingetragenen Vereins befinden sich in einem der geschichtsträchtigsten Gebäude der Stadt. „Das Haus ist über 400 Jahre alt und zieht sich über den gesamten Straßenbereich. Hier war zuerst ein Jesuiten-Orden untergebracht, später gab es eine Sternwarte. Seit man das Kloster 1773 auflöste, wurde das Haus zu Verwaltungszwecken verwendet. Das Gebäude hat das Kaiserreich, die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus erlebt und hatte zu jeder Zeit eine wichtige Funktion“, erklärt Frederike Krenz, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin Inklusion der Gedenkstätte. Ab 1913 werden Teile des Gebäudes für die städtische Polizei genutzt, 1926 wird es Sitz des Düsseldorfer Polizeipräsidiums. „Von hier aus wurden in den ersten Monaten des Nationalsozialismus politische Gegner verfolgt“, erzählt sie. Kurzfristig seien nämlich 1933/34 auch die Gestapo und die SS im Gebäude untergebracht gewesen, ab November 1935 auch eine Dienststelle der Wehrmacht, die Musterungen durchführte. Im Keller befindet sich bis heute ein sehr gut erhaltener Luftschutzraum, den Interessierte bei einem Besuch besichtigen können.
„Uns ist es vor allem wichtig zu zeigen, dass das System des Nationalsozialismus in so gut wie allen Bereichen ausgrenzend und von Willkür geprägt war.“
Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf wurde im Jahr 1987 gegründet, um die Geschichte des Nationalsozialismus der Stadt aufzuarbeiten. Inzwischen legt die Sammlung einen Schwerpunkt auf die Biografie der Betroffenen. „Wir möchten zeigen, welche Menschen verfolgt wurden und wie sie damit umgingen, sprechen aber auch über Täter*innen, Verantwortliche und Mitläuferschaft. Seit 2015 legen wir dabei den Fokus auf die Lebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen“, erläutert Frederike Krenz.

In der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf gibt es zudem zahlreiche Bildungsangebote: Neben den klassischen Führungen durch die Räumlichkeiten, in denen parallel zur dauerhaften Installation auch Sonderausstellungen zu sehen sind, finden Workshops zu den unterschiedlichsten Themen wie Verwaltung zwischen 1933 bis 1945 oder die Geschichte der Polizei und Feuerwehr und deren Wirken im Nationalsozialismus statt. Auch dabei arbeite man mit Biografien, um die Geschichte erlebbar zu machen. „Hinzukommen individuelle Rundgänge wie durch den Nordpark zur Ausstellung Schaffendes Volk oder zu Kultur, Theater oder Justiz im Nationalsozialismus. Wir gehen zu Orten in Düsseldorf, an denen noch heute Geschichte nachvollziehbar ist. Besonders eindrücklich sind die Stolperstein-Spaziergänge. Inzwischen gibt es in Düsseldorf über 400 dieser Gedenksteine für nahezu alle Opfergruppen.“

Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf, Wilfried Meyer
Die organisierten Rundgänge sind kostenlos, die Teilnehmenden vielfältig und aus jeder Altersgruppe, von Studierenden über Düsseldorfer*innen, die mehr über ihre Stadt erfahren möchten, bis zu Tourist*innen. Der Eintritt in die Mahn- und Gedenkstätte ist frei. Dass man sehr persönliche Dokumente und Fotos von Betroffenen aller Opfergruppen zu sehen bekommt, schafft einen sehr niedrigschwelligen Zugang zu den Geschichten der Verfolgten.
Warum hat man sich für diesen Ansatz entschieden? „Unsere erste Leiterin Angela Genger hatte sehr früh damit begonnen, nach Überlebenden zu suchen, die ihre Geschichte erzählen konnten. Innerhalb unseres Archivs haben wir somit einen großen Schatz an Zeitzeug*innen, auf den wir zurückgreifen können“, sagt Frederike Krenz. Die Audio Files mit O-Tönen der Überlebenden sowie ihre Fotos sind überaus kostbare Dokumente zu einem Zeitpunkt, an dem die Erlebnisgeneration so gut wie ausgestorben ist.

„Uns ist es vor allem wichtig zu zeigen, dass das System des Nationalsozialismus in so gut wie allen Bereichen ausgrenzend und von Willkür geprägt war. Neben jüdischen Menschen sowie Sinti und Roma gab es auch viele Opfer aus der Mehrheitsgesellschaft“, erklärt sie. Das seien unangepasste Jugendliche, die nicht in die Hitlerjugend eintreten wollten, aber auch christlich geprägte junge Menschen, Pfadfinder*innen oder Kommunist*innen und Sozialdemokrat*innen gewesen. „Denunziation spielte eine große Rolle. Wir haben einen sehr umfangreichen Bestand von Gestapo-Akten, über die wir das nachvollziehen können: 25 bis 28 Prozent der Hinweise kamen aus der Bevölkerung.“

Dass viele Andersdenkende von ihrem direkten Umfeld denunziert wurden, zeigt auch die Sonderausstellung gefährdet leben, die sich der Verfolgung queerer Menschen während des Nationalsozialismus widmet und die noch bis zum 30. August in der Mahn- und Gedenkstätte zu sehen ist. Dabei handelt es sich um eine Wanderausstellung, die durch das Magnus-Hirschfeld-Institut in Berlin kuratiert und von Astrid Hirsch-von Borries, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, durch die Düsseldorfer Perspektive erweitert wurde. Grundlage der Denunziationen der queeren Community war der § 175, der homosexuelle Männer verfolgte und erst im Jahr 1994 abgeschafft wurde.


„Wir sprechen von einer teilweise vergessenen Opfergruppe. Da Homosexualität nach 1945 in Deutschland weiterhin illegal war, kam es erst sehr verzögert zu einer Aufarbeitung der Verfolgung nicht nur männlicher Homosexueller, sondern der gesamten queeren Community“, erklärt Frederike Krenz. Auch in der Sonderausstellung liegt der Schwerpunkt auf den Einzelschicksalen betroffener Menschen. „Wir wollen vor allem erzählen, wie die queere Community auf diese Verfolgung reagiert und es geschafft hat, unbeschadet durch die Zeit des Nationalsozialismus zu kommen. Natürlich muss man von den zahlreichen Opfern sprechen. Es ist aber ein wichtiger Aspekt der Ausstellung, die Community, ihren Zusammenhalt sowie Menschen, die ihnen geholfen haben, zu zeigen.“
„Uns ist es sehr wichtig, dass sich in unserem Haus jeder wohlfühlt.“
Für den November kündigt Frederike Krenz eine neue Sonderausstellung an, die das Jahr 1941 insgesamt, aber vor allem den Holocaust sowie die Aktion T4, die Ermordung von körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen in Heil- und Pflegeanstalten, in den Fokus nehmen möchte. „Wir werden mit biografischen Beispielen arbeiten, die wir bisher noch nicht gezeigt haben. Dazu gehören Menschen mit psychischen Erkrankungen aus unserer Stadt, die in einer der Tötungsanstalten vergast wurden“, so Krenz weiter.

Blick auf die zerstörte Düsseldorfer Altstadt
Nicht nur in der Sonderausstellung, auch insgesamt möchte die Mahn- und Gedenkstätte in Zukunft die Situation von Menschen mit Behinderung mehr in den Fokus rücken. „Uns ist es sehr wichtig, unser Haus für alle zu öffnen. Daher haben wir im letzten Jahr eine Stelle für Inklusion geschaffen und möchten entsprechende Projekte anstoßen“, erklärt Frederike Krenz. Eins davon ist die Übertragung von Ausstellungstexten in leichte Sprache. Hierzu arbeitet die Gedenkstätte nicht nur mit einem Übersetzungsbüro, sondern auch mit Menschen mit Behinderung zusammen, die in die Gestaltung mit einbezogen werden. Die Nachfrage nach Angeboten für diese Zielgruppe sei sehr groß, so Frederike Krenz. „Wir haben jetzt eigene Führungen und Angebote, die ganz konkret für Menschen mit Behinderungen konzipiert sind und immer individuell auf die Bedürfnisse einer Besucher*innengruppe abgestimmt werden.“
Dazu habe man im Vorfeld viele unterschiedliche Ansätze ausprobiert. Man arbeite beispielsweise in entsprechenden Workshops vor allem mit Bildern und verzichte teilweise sogar ganz auf Text. „Uns ist es sehr wichtig, dass sich in unserem Haus jeder wohlfühlt. Wir sprechen über sehr sensible Inhalte, einige Menschen mit Behinderung kommen zum ersten Mal mit dem Thema Nationalsozialismus in Kontakt, und dabei wird ihnen klar, dass sie damals auch zu den verfolgten Gruppen gehört hätten. Das kann sehr emotional werden“, erklärt Frederike Krenz. Geplant ist zudem, dass in Zukunft Menschen mit Behinderung zumindest in Teilen Führungen übernehmen und dabei ihre Perspektive einbringen; eine erste Führung in Gebärdensprache ist in Planung. Frederike Krenz hofft, dass sich solche Angebote zeitnah etablieren. „Wir haben derzeit noch wenig Erfahrungswerte, tasten uns aber vor. Ziel ist es, unsere Ausstellungen und Angebote in Zukunft für alle Menschen zugänglich und erlebbar zu machen.“
Text: Katja Vaders
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
