
Kö Düsseldorf – Auf Kaffee & Kuchen mit der Freifrau von Kö
„Die Freifrau ist eine Variante von mir, die aber ganz anders tickt als ich: Sie liebt es puffig-überbordend und ausgeschmückt. Ich mag Camping.“
Kö Düsseldorf: Wer am Wochenende über den Prachtboulevard flaniert, ist der Freifrau von Kö wahrscheinlich längst begegnet. Denn sie unternimmt regelmäßig samstags ihren Glamourstadtbummel über die Kö Düsseldorf, den ihr übrigens über Visit Düsseldorf buchen könnt. Die Führung ist alles andere als eine klamaukige Drag Show, sie entpuppt sich vielmehr als ein äußerst interessanter Spaziergang, der nicht nur hinter die Kulissen der Königsallee blickt, sondern Stadtgeschichte und vor allem Architektur rund um die bekannteste Straße Düsseldorfs erlebbar macht. Wer hinter der Figur der Freifrau von Kö steckt, erzählte uns ihr Alter Ego Andreas Patermann bei Kaffee und Kuchen.

Ich sitze Andreas gegenüber, hatte aber eigentlich eine Verabredung mit der Freifrau von Kö. Jetzt bin ich verwirrt: Mit wem habe ich es gerade zu tun?
Mit beiden! Die Freifrau ist eine Variante des Andreas und andersherum.
Wir sitzen im Café Heinemann an der Bahnstraße, die Königsallee ist gleich um die Ecke. Ist das dein Hauptquartier – oder das der Freifrau?
Nein, eher meins. Ich liebe diesen Ort für seine Kultur und Qualität. Obwohl die Freifrau natürlich auch manchmal hier ist. Sie hat nämlich eine wundervolle Kooperation mit Heinemann und der Rheinbahn für Stadttouren.
Da die meisten nur die Freifrau und nicht Andreas kennen: Vielleicht stellst du dich erstmal vor.
Mein Name ist Andreas Patermann und ich bin vor über zwanzig Jahren aus einem fränkischen Dorf nach Düsseldorf gekommen.

Du wolltest irgendwann weg aus der fränkischen Idylle?
Damals absolut – man muss weg, wenn man Millionärsgattin werden will wie die Freifrau. Sie ist allerdings keine klassische Dragqueen oder Travestiekünstlerin, sondern verkörpert einen Charakter, der für eine Art Gesellschaftskritik steht. Das Tolle ist: Ich habe das Ich-Sein zu meinem Beruf gemacht. Die Schauspielerei war schon als Kind in mir drin und viele dachten, ich sei ein Mädchen, auch wegen meiner hohen Stimme. Hinzu kam meine exaltierte Art, die mich in meiner Jugend in Franken zu einem Paradiesvogel machte.
Die Figur schlummerte also schon damals in dir?
Die Freifrau ist eine Variante von mir, die aber ganz anders tickt als ich: Sie liebt es puffig-überbordend und ausgeschmückt. Ich mag Camping. Ein Auslöser für ihre Entstehung war sicherlich, dass ich ein Jahr bei dem Stararchitekten Paul Schneider-Esleben, dem Vater von Florian Schneider-Esleben von Kraftwerk, gearbeitet und dort den Glamour eines Architekturbüros aus der guten alten Zeit kennengelernt habe.
Wie kam es dazu?
Ich zog 2002 für das Studium der Innenarchitektur nach Düsseldorf und suchte verzweifelt eine Wohnung – bis mir meine Maklerin ein Objekt in einem Terrassenhochhaus in Golzheim zeigte. Ihr Name war Erica Jugler-Hahn: Chanel-Kostümchen und Chanel-Ohrringe, Louis Vuitton-Aktenmappe, ondulierte Haare, zwei Lagen falsche Wimpern … Ich dachte nur: ‚Oh mein Gott!‘ Die Frau sah aus, wie ich mir Düsseldorf immer vorgestellt hatte. Sie war seinerzeit DIE Kö-Maklerin, die in den 1980ern einige Luxusmarken auf die Straße holte und die Kö Düsseldorf so zu dem machte, was sie heute ist. Sie war die Vor-Version der Freifrau. Allerdings nur optisch total Kö Düsseldorf, menschlich war sie ganz anders. Ich erlebte sie als herzlich und sie hat mir tatsächlich diese Wohnung in Golzheim besorgt, obwohl ich weder Geld noch Sicherheiten zu bieten hatte.


In deiner neuen Bleibe hattest du einen prominenten Nachbarn.
Allerdings! Das Gebäude fand ich sofort faszinierend – 60er-Jahre-Brutalismus mit Schwimmbad und Sauna im Keller. Wenig später habe ich festgestellt, dass Stararchitekt Paul Schneider-Esleben es entworfen hatte, der zudem auch noch drei Etagen über mir wohnte. In den Sommerferien entdeckte ich eine Anzeige am Schwarzen Brett der Fachhochschule: „Suchen Architekturstudenten für ein Modellbauprojekt!“ Als ich die Adresse – nämlich meine – auf dieser Anzeige sah, wusste ich, von wem sie war und ich rief sofort dort an …
… bei Paul Schneider-Esleben …
… genau. Ich werde nie vergessen, wie sich die Tür zu seinem Penthouse öffnete, in dem er lebte und arbeitete: 400 Quadratmeter, offene Kamine, Einbauschränke aus Teak, Design-Rohrmöbel, alles original …. Das Interieur hatte eine faszinierende Zeitlosigkeit und den Glamour von James Bond, Aga Khan und der großen, weiten Welt. Mir war klar: Ich will den Job! Seine Sekretärin war recht streng. Ich nannte sie Miss Moneypenny, aber aus irgendeinem Grund fanden sie und der Stararchitekt mich sympathisch und kurze Zeit später baute ich das Modell für „sein“ Kö-Bogen-Projekt.

Wie alt war Schneider-Esleben damals?
Es war 2004 und er war 88 Jahre alt. Der Bau des Modells dauerte zwei Monate, dann brach der Kontakt vorerst ab. Ein Jahr später rief mich sein Büro wieder an und teilte mir seinen Tod mit. Man müsse seinen Nachlass ordnen, er habe ihn dem Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne hinterlassen, ob ich das machen wolle. Daher bin ich wieder hoch ins Büro, um ein halbes Jahr lang Paul Schneider-Eslebens Nachlass zu sichten und zu sortieren.
Und was hat das alles mit der Freifrau zu tun?
In diesem Büro bin ich durch die Sichtung von zum Beispiel Entwürfen einiger Villen auch „typisch“ reichen Düsseldorfer*innen, ihrem Leben und ihrer Kultur begegnet. Natürlich verkehrte er in der Hautevolee von Düsseldorf, die es heute so nicht mehr gibt.
Wie ging es weiter für dich, nachdem du mit dem Ordnen des Nachlasses fertig warst?
Ich habe zunächst im Stadtmuseum Führungen gemacht, anschließend bin ich für ein Semester nach Neuseeland gegangen. Dort landete ich mit 26 Jahren zum ersten Mal in einer „Homosexuellenbar“ und sah eine Drag Show, die mich absolut faszinierte! Als ich zurück in Deutschland war, machte ich mein Diplom und arbeitete wieder im Museum. Ich merkte aber, dass Neuseeland mich verändert hatte – ich war exaltierter geworden. Mir kam die Idee, eine Figur zur Stadt Düsseldorf zu kreieren: eine Mischung aus Kö-Maklerin, Frauen der Hautevolee, die ich bei Schneider-Esleben erlebt oder auf der Kö gesichtet hatte. Sie alle verkörperten ein bisschen das Klischee von Düsseldorf, dass ich aus meiner Jugend kannte, als es noch DIE Modestadt war.

Führung
Glamourstadtbummel mit
Freifrau von Kö
Neugierig geworden? Wenn auch du mehr über die Geschichte entlang der Kö Düsseldorf wissen möchtest und neben Shopping und Fashion auch ein Faible für Architektur hast, dann ist der Glamourstadtbummel goldrichtig.
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Wann hatte die Freifrau ihren ersten Auftritt an der Kö Düsseldorf?
Geboren wurde sie zum Tuntenlauf im Jahr 2009. Sie hatte vom ersten Tag an ihren unvorstellbaren Look mit ominösem Louis Vuitton-Outfit, auftoupierten Haaren und ausdrucksstarkem Make-up. Ich bin auf den Brettern dieser Kö-Bühne einmal vor und wieder zurückgelaufen, gewann tatsächlich den Tuntenlauf und war dann immer wieder mal als Freifrau unterwegs. Wie im Jahr 2011, als der ESC in Düsseldorf stattfand und ich behauptete, dass die Freifrau bald Stadtführungen mache. Ein paar Tage später rief mich der WDR an und wollte mehr dazu wissen – und mir wurde klar: ‚Andreas, du musst diese Führung jetzt auch machen.‘ Also habe ich die Tour innerhalb weniger Tage zusammengezuckelt und sie kam so gut an, dass sie damals Teil des Programms des Theatermuseums wurde.
Was genau erwartet die Leute auf deinem Glamourbummel über die Königsallee?
Spoiler: Du erzählst teils nur wenig bekannte Düsseldorfer Stadtgeschichte, wie vom vergessenen Vergnügungsviertel, den Varietés und Kinos der Kö vor hundert Jahren.
Ich möchte mich auf mein Publikum einlassen, daher berichte ich viel zum Thema Entertainment und wie sich die Königsallee in den letzten hundert Jahren verändert hat. Außerdem erzähle ich von der ehemaligen Kino- und Filmverleihstadt des Westens Düsseldorf, alten Hollywood-Diven, Kö-Publikum und deren Glamourwelt.


Du glänzt auf deiner Tour mit einem sehr detaillierten Wissen zu Brands und Branding. Außerdem wirfst du Blicke hinter die Kulissen der Düsseldorfer Immobilienbranche. Woher hast du dein Wissen?
Mich interessiert alles zum Thema Mode und ich habe Innenarchitektur mit dem Schwerpunkt Ausstellung und Ladenbau studiert. Und: Man muss viel Zeitung lesen, gut vernetzt sein und einfach mit den Leuten quatschen.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil deiner Tour ist die Architektur. Ein Thema, bei dem du Fachmann bist – und sicherlich das eine oder andere in deiner Zeit bei Paul Schneider-Esleben aufgeschnappt hast.
Dass ich vom nie gebauten Kö-Hochhaus neben dem Kaufhof berichten kann, hat damit zu tun, dass ich seinerzeit das Modell für diesen Entwurf angefertigt habe und in seinem Büro über viele Entwicklungen, Veränderungen vergangener Jahrzehnte − insbesondere seit der Nachkriegszeit − erfahren konnte.

Lass uns noch einmal auf deine Kooperation mit der Konditorei Heinemann zu sprechen kommen.
Herr Heinemann hat mich eines Tages auf der Straße angesprochen: „Lassen Sie uns doch etwas gemeinsam machen!“ Als mich die Rheinbahn kurze Zeit später für ein Entertainment-Programm für die Gattinnen einer Vorstandsveranstaltung buchte, hatte ich die Idee zu einer Kaffeefahrt durch Düsseldorf − mit Heinemann-Kuchen in der Bahn. Diese tolle Veranstaltung und weitere Touren wie KÖrrywurst laufen inzwischen seit 2013. Und Herr Heinemann ist ein toller Kooperationspartner.
Dein neuestes Projekt sind Stadtführungen für Kinder.
Meine neue Tour heißt Vom Löwen bis zur Heinemaus, eine Führung für Familien, die ich schon im Rahmen des Bücherbummels und in Verbindung mit einem Kinderbuchprojekt Ein Buch von Pänz für Pänz durchgeführt habe, in Kooperation mit Stadtbücherei und Stadtarchiv. Die Kleinen haben viel Spaß mit der Freifrau!

Und was sind deine ganz persönlichen Lieblingsorte in Düsseldorf?
Schwer zu sagen, denn ich habe eine unvorstellbar grundtiefe Liebe zu Düsseldorf entwickelt. Wenn man den Job nur aus Liebe und Leidenschaft machen würde, wäre ich die perfekte Kandidatin für den Posten der Oberbürgermeisterin! Mein Lieblingsort ist eine Bank am abendlichen Kö-Graben, wenn nach Ladenschluss die Kö-Papageien einfliegen. Vorab natürlich Heinemann ums Eck. Und der wundervolle Rhein: Der Blick auf diesen Fluss beruhigt mich zu jeder Zeit.
Text: Katja Vaders
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Patermann



