Killa Kalles und Oliver Räke stehen vor dem Icklack-Eingang. Die Fassade ist voller Graffiti.

Hip-Hop Hooray mit Christian Calles und Oliver Räke

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Düsseldorf’s Finest − Auf den Spuren von Hip-Hop und Graffiti-Kultur

Wer sich für Hip-Hop und Graffiti-Kultur interessiert, sollte sich in Düsseldorf auf Spurensuche begeben: Die Landeshauptstadt gilt als ein wichtiger Entstehungsort beider Subkulturen in Deutschland. Eine wunderbare Möglichkeit, in das Thema einzutauchen, bietet die Hip-Hop-Tour, eine multimediale Stadtführung inklusive historischem Fotomaterial und Musikproben. Teil des Spaziergangs zwischen der legendären Kiefernstraße und dem Kunstverein WP8 sind auch zwei Pioniere der Düsseldorfer Szene. An jedem Stopp können sie aus eigener Erfahrung von der Entstehungsgeschichte der Hip-Hop-Kultur in Düsseldorf, Deutschland und Europa erzählen und ihr Insiderwissen und die eine oder andere Anekdote beisteuern: Graffiti-Künstler Oliver „Magic“ Räke sowie Hip-Hop-Artist Dr. Christian Calles aka Killa Calles. Einen Vorgeschmack auf die Tour, die ab 9. März weitergeht, gaben sie uns in einem Gespräch.

Oliver Räke und Killa Calles stehen an der Ecke des Icklack-Jugendzentrums. Die Wände sind voller Graffiti.
Oliver Räke (rechts) und Killa Calles vor der Freizeitstätte Icklack.

Oliver und Christian, wir sitzen heute zusammen in der Freizeitstätte Icklack, einem der wichtigsten Orte Düsseldorfs, wenn es um die Entstehungsgeschichte von Hip Hop- und Graffiti-Kultur geht. Was genau verbindet euch persönlich mit dem Thema?
Oliver Räke: Ich gehöre zu der ersten Generation Sprayer in Düsseldorf, die immer noch aktiv malen und damit auch zu den Pionieren der Graffitikultur in Deutschland. Angefangen hat das bei mir 83/84. Ich bin in Derendorf großgeworden. Am S-Bahnhof dort gab es dementsprechend auch sehr lange ein Bild von mir: „Welcome to Magic City“. Ich habe das seinerzeit anlässlich eines Run DMC-Konzerts in Düsseldorf gemalt, um die Konzertbesucher*innen zu begrüßen.

Christian, du bist ein Urgestein nicht nur der Düsseldorfer Hip-Hop-Szene, sondern warst als Rapper auch deutschlandweit bekannt. Wie kam es dazu?
Christian: Für mich war seinerzeit eine Dokumentation über die Ratinger Hip-Hop-Band Fresh Familee sehr prägend. Zu dieser Zeit kannte man Hip-Hop und Rap eigentlich nur aus Amerika. Diese Roughness aus New York und der Style, aber auch Basketball und Breakdance haben mich als Jugendlicher extrem fasziniert. Fresh Familee war für mich eine Art Augenöffner: dass Rap auch in Deutsch funktionieren konnte. Die Rapper Nimzwai und ich haben irgendwann den Track „Düsseldorf‘s Finest“ veröffentlicht. Als unser Video bei VIVA lief, waren wir plötzlich auch bundesweit bekannt und haben eine Platte gemacht.

Killa Kalles trägt eine blaue Adidas-Trainingsjacke und eine Kangool-Mütze.
Foto: Visit Düsseldorf

Du bist hier an der Icklack zu Rap und Hip-Hop gekommen.
Christian: Ich war Teil des Icklack Squad, das aus mehreren Gruppen, einzelnen Rapper*innen, DJs und Musiker*innen bestand. Wir hatten viele Auftritte, haben selbst Tapes aufgenommen, die deutschlandweit vertrieben wurden und liefen dann wie gesagt auch im Musikfernsehen. Wir haben damals versucht, unsere eigenen Strukturen aufzubauen, sogar international zum Beispiel über meine eigene Radiosendung, die ich damals im Bürgerfunk gemacht habe und über die Website hiphop.de, die übrigens auch in der Icklack mit aufgebaut wurde.
Oliver: Dazu muss man sagen, dass die Szene in Deutschland in den 1990ern erheblich homogener war als heute, auch stilistisch. Seinerzeit hat man an einer gemeinsamen Idee von Hip-Hop gearbeitet. Die Szene war eine Community, die sich regelmäßig getroffen hat, um gemeinsam zu tanzen, zu rappen und zu sprayen.

Wie findet ihr als Pioniere, dass Hip-Hop wie auch Graffiti inzwischen im Mainstream angekommen sind?
Oliver: Witzigerweise ist es offenbar eine Qualität von Hip-Hop, gleichzeitig Mainstream und Untergrund sein zu können. Hip-Hop und Graffiti sind ja absolute Mitmachkulturen, die nicht über den reinen Konsum funktionieren. Wenn du Hip-Hopper sein willst, musst du dabei sein, als Rapper*in, Sprayer*in, Tänzer*in … Man kann nicht nur zugucken. Daher ist die Szene für jeden, der neu einsteigen möchte, zunächst mit Underground verbunden. Man muss als Sprayer*in mindestens einmal von der Polizei gejagt worden sein, bevor man in einer Galerie hängt. Ein Bild muss eine Geschichte in sich tragen, die spannend ist.

Du bist über das Sprayen zu deinem heutigen Beruf gekommen.
Oliver: Ja, ich habe relativ früh als Grafiker für die Hip-Hop-Szene gearbeitet und zum Beispiel das Logo für hiphop.de oder Plattencover und Flyer für Veranstaltungen entworfen. Man bekam seinerzeit nicht viel Geld, aber die Leute haben ja auch alles selbst gemacht und vertrieben, Platten aus dem Kofferraum ihrer Autos verkauft. Das hat die Szene immer stark gemacht.

Kiefernstraße Düsseldorf
Die Kiefernstraße ist Teil der Hip-Hop-Tour. (Foto: Visit Düsseldorf)

Und jetzt, vierzig Jahre später, gibt es sogar eine Hip-Hop-Tour durch Düsseldorf, die ihr begleitet. Welche Stopps bedeuten euch am meisten?
Christian: Die Icklack hat definitiv eine ganz besondere Bedeutung, weil sie für mich in einer sehr spannenden Zeit mein Rap-Wohnzimmer war.
Oliver: Ganz klar die Kiefernstraße. Es ist unglaublich, wie atmosphärisch dieser Ort immer noch ist und in welchem Kontrast er beispielsweise zur Königsallee steht. Die S-Bahnlinien waren uns sehr wichtig, da sie uns durchs Ruhrgebiet und damit zu den Graffitis gebracht haben.

Gibt es noch andere wichtige Orte für dich, die vielleicht nicht Teil der Tour sind?
Oliver: Definitiv die Galerie Pretty Portal, eine Galerie, die früh mit einem Graffitiprogramm an den Start gegangen ist und die sich inzwischen eher Street Art widmet. Außerdem natürlich Orte mit Urban Art wie in den Unterführungen am Bilker Bahnhof oder an der Oberbilker Allee.

Ein aufgeschlagener Bildband. Man sie eine Doppelseite mit einer voll gesprayten Unterführung.
Foto: Visit Düsseldorf

Wir haben jetzt vor allem über die Düsseldorf Hip-Hop- und Graffitikultur gesprochen. Wie seht ihr grundsätzlich die Stadt als Kunst- und Kulturstandort? Welche Orte inspirieren euch, was Musik, aber auch Kunst betrifft?
Oliver: Definitiv die Schleuse 2 im Bilker Bunker: Dort gibt es ein sehr gutes Musikprogramm mit elektronischer Musik, manchmal auch Hip Hop. Legendär ist natürlich der Salon des Amateurs. Ich mag die Kunsthalle, das K20 und das K21, die Sammlung Philara, aber auch das Hetjens Keramikmuseum – Weltklasse, wenn man sich für diese Kunstrichtung interessiert. Toll ist auch die Hood Projects Galerie auf der Hüttenstrasse, spannendes Postvandalismus Programm.
Christian: Für mich ist es auch die Schleuse 2. Außerdem gehe ich sehr gerne zu Street-Art-Vernissagen, bei denen ich öfter mal als DJ gebucht bin. Und ich mag die Hood Company in Oberbilk, ein Laden vor allem für Spraydosen, in dem Ausstellungen stattfinden und wo sich die Szene trifft.

Was sind eure Lieblingsorte in Düsseldorf?
Oliver: Zum Durchatmen und für die Weite gehe ich an den Rhein. Und nachts rolle ich mit dem Rad durch die Stadt.
Christian: Ich bin gerne in die Kassette gegangen und bin gespannt auf den Nachfolger: die Fliese. Pizza esse ich bei Via Apia, gleich nebenan. Letzten Sommer fand ich die Boombox-Events toll, die wechselnde Locations hatten − und Park Life. Ich mag die Veranstaltungen vom KIT, wo man sich einfach auf die Wiese davorsetzen und den DJs zuhören kann. Nicht zu vergessen den Büdchentag, an dem viele Leute tolle Aktionen machen.

Portables Soundsystem.
Foto: Visit Düsseldorf

Eine letzte Frage: Warum Düsseldorf? Was hält euch in eurer Heimatstadt?
Oliver: Der Vater Rhein – I Love Düsseldorf! Ich war schon zweimal eine Zeitlang weg, bin aber sehr gerne zurückgekommen.
Christian: Düsseldorf ist für mich Heimat. Die Stadt bietet mir genug Möglichkeiten und ist einfach schön!

Dr. Christian Calles aka Killa Calles

Der Rapper Dr. Christian Calles aka Killa Calles ist in seinem bürgerlichen Leben promovierter Biologe und arbeitet im Koordinierungszentrum für klinische Studien der Uniklinik Düsseldorf. Man begegnet ihm aber auch als DJ oder an urbanen Plätzen, wo er immer mal wieder ehrenamtlich Hip-Hop-Workshops für Kinder und Jugendliche gibt. In den 1990ern lief das Video seines Tracks „Düsseldorf’s Finest“ bei VIVA und war deutschlandweit bekannt.

Oliver Räke aka Magic

Der Graffiti-Artist Oliver Räke aka Magic arbeitet als Grafikdesigner, Illustrator und ist freischaffender Künstler. Er ist ein Pionier der europäischen Graffiti-Szene und bereits seit 1983 als Sprayer in Düsseldorf unterwegs. Aktuell kann man Graffitis von Oliver Räke im Düsseldorfer öffentlichen Raum sehen, wie zum Beispiel in den Unterführungen am Bilker Bahnhof sowie an der Oberbilker Allee, nähe Hüttenstraße.
oliverraeke.de

Interview: Katja Vaders
Fotos Freizeitstätte Icklack: Kristina Fendesack

Eine Gruppe unterwegs auf der Hip-Hop-Tour.
Quer durch Düsseldorf unterwegs auf Hip-Hop-Tour. (Foto: Visit Düsseldorf)
Unser Tipp: Hip-Hop-Tour mit Killa Calles & Oliver Räke

The Sound of Düsseldorf
Am 9. März geht es weiter mit der Hip-Hop-Tour. Ihr fragt euch, wie hängen Kiefernstraße und Hip-Hop in Düsseldorf zusammen? Welche Rolle spielte der Straßenrap für die Stadt? Welche internationalen Stars der Szene waren bereits in Düsseldorf?  Killa Calles und Oliver „Magic” Räke begeben sich gemeinsam mit den Musikjournalisten Dr. Michael Wenzel und Sven-André Dreyer auf einen Rundgang durch die Stadt, vorbei an den Orten, an denen in Düsseldorf Hip-Hop-Geschichte geschrieben wurde.  Neben Geschichten und Anekdoten und gibt es natürlich Düsseldorfer Hip-Hop-Sounds auf die Ohren. 

Weitere Informationen unter visitduesseldorf.de.

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