
Anime & Manga – DoKomi-Mitbegründer Andreas Degen im Interview
„Düsseldorf ist nun mal das japanische Zentrum Deutschlands und Europas, und das gilt speziell auch für unsere Szene“
Mit der DoKomi findet in Düsseldorf alljährlich Deutschlands größte Anime- und Manga-Convention statt. Denn nicht nur zum Japan-Tag versammeln sich Cosplayer*innen zu Tausenden am Rheinufer, auch an ganz gewöhnlichen Wochenenden sind sie in ihren detailverliebten Kostümen aus dem Düsseldorfer Straßenbild nicht wegzudenken. Seit 16 Jahren gibt es neben dem Japan-Tag Düsseldorf/NRW einen weiteren Termin im Veranstaltungskalender, der für die Community gesetzt ist. DoKomi, der Name ist ein Kürzel für „Doitsu Komikku Maketto“. Das bedeutet so viel wie „Deutscher Comic Markt“. Anhänger*innen japanischer Popkultur dechiffrieren dies mühelos als Anspielung auf die Comiket, die größte Anime- /Manga-Convention Japans. Andreas Degen hat die DoKomi mitgegründet und veranstaltet sie gemeinsam mit Benjamin Schulte. Ein Paradebeispiel wie man sein Hobby zum Beruf macht.

Die erste DoKomi fand 2009 in einer Düsseldorfer Schule statt. Im vergangenen Jahr kamen über 150.000 Besucher*innen ins Congress Center Düsseldorf und in die Düsseldorfer Messe. Wie konntet ihr so groß werden?
Die Kultur rund um Anime und Manga boomt seit 15 Jahren, und zuletzt gab es noch einmal einen richtigen Schub. Die DoKomi ist graswurzelmäßig entstanden und wir sind mit der Szene gewachsen. Von Anime/Manga und Cosplay über japanische Musik und Mode hin zu japanischer Popkultur generell – Jahr für Jahr ist bei uns etwas Neues hinzugekommen. Ich glaube, das hat für viel Eigendynamik gesorgt. Dieses Jahr erwarten wir über drei Tage an die 180.000 Besucher*innen.
Ihr versteht euch aber noch immer als Convention?
Ja, und dafür wird die DoKomi eben auch geliebt, dass sie nicht dominant kommerziell ist. Wir möchten den verschiedenen Fangruppen eine Plattform bieten, nicht nur mit unserer riesigen Zeichner*innen-Allee mit über 750 Fan-Artist-Ständen. Oder mit dem zweitgrößten Bereich, der Fashion-Area, wo ebenfalls Fanshop-Konzepte gefahren werden. Du findest auf der DoKomi ganz unterschiedliche Fangruppierungen, etwa die Itasha-Leute. Itasha sind Autos, die mit Anime-Motiven foliert sind. Wir sind außerdem eng verzahnt mit der digitalen Sphäre. Das ist tatsächlich ein Wachstumsfaktor.

Ihr bietet auch kommerziellen Ausstellerinnen Platz. Im Gepäck haben sie die ganze Bandbreite, von Manga über Anime, Cosplay-Zubehör, Mode, Games, Musik, vielfältigen Merch und sogar Reisen nach Japan.
Um den Fanbereich hat sich durchaus eine professionelle Riege gebildet, angefangen von den Anime-/Manga-Publishern über Händler*innen, die aus Japan importieren, bis zu Künstlerinnen, die sich etwas aufgebaut haben. Die Aussteller*innen kommen mittlerweile aus ganz Europa, teils auch aus Kanada, den USA, Südamerika und natürlich Asien.
Wie ist die Idee zur DoKomi entstanden? Seid ihr selbst Cosplayer?
Ja, genau. Wir sind in der Szene aufgewachsen, haben uns in der Community sozialisiert. Eines Tages saßen Benni und ich mit Freunden zusammen und dann fiel dieser Satz: „Lass doch mal eine Convention machen.“ Mitte der Nullerjahre trafen sich in Düsseldorf jedes Wochenende 50 bis 150 Cosplayer*innen am Bahnhof – und wussten dann nicht so recht, wo sie hingehen sollten. Bei gutem Wetter bot sich der Nordpark an, bei schlechtem war es schwierig. Unser damaliges Budget erlaubte keine großartigen Restaurantbesuche in Little Tokyo. Also fanden wir, es wäre schön, wenn die Community wenigstens einmal im Jahr einen Ort für sich hätte und ein Dach über dem Kopf. Ursprünglich dachten wir an 500 Leute, eine kleine, eingeschworene Gemeinde. Doch schon zur ersten DoKomi kamen 1.800 Besucher*innen, und es wurden ziemlich schnell ziemlich viel mehr.

Du bist aus Bonn, Benjamin Schulte ist Kölner – und ihr seid für die Cosplay-Treffen bereits in eurer Jugend extra nach Düsseldorf gereist?
Düsseldorf ist nun mal das japanische Zentrum Deutschlands und Europas, und das gilt speziell auch für unsere Szene. Die Immermannstraße ist ein massiver Anziehungspunkt. Daher war Düsseldorf klar der Ort, wo wir sein wollten. Die Con hier anzusiedeln war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.
Wie fühlt es sich an, wenn eine Subkultur so populär wird, und was sagt das über den Zeitgeist aus?
Es ist ein bisschen bizarr, wenn man die Anfänge kennt, aber auch toll. Denn mittlerweile ist es natürlich viel leichter, als Anime-/Manga-Fan Gleichgesinnte zu finden. Wir leben im digitalen Zeitalter und gruppieren uns weitgehend online. Durch die digitale Verbreitung ist das Thema ein Stück weit aus der Nische gekommen. Wie viele zigtausend Millionen Anime-Memes gibt es allein! Die Akzeptanz und die Wertschätzung auch für Cosplay ist heutzutage eine ganz andere und die DoKomi möchte dazu beitragen, dass die Szene floriert – dass sie physisch zusammenkommen kann und sich weiterhin positiv entwickelt und dabei so offen, tolerant und liebenswürdig bleibt, wie sie ist.

Euer Programmheft ist an die 200 Seiten stark. Was sind in diesem Jahr deine persönlichen DoKomi-Highlights?
Auf jeden Fall der Content-Creator-Bereich, der erstmals in einer eigenen Halle untergebracht ist. Ich bin mittlerweile selbst sehr aktiv in der VTuber-Szene. Das ist ein Thema, das Streaming und Content Creation mit Anime/Manga vernetzt wie nie zuvor. (VTuber, kurz für Virtual YouTuber, sind digitale Persönlichkeiten, die durch Avatare repräsentiert werden. Diese sind oft im Manga-/Anime-Stil gehalten/Anm. d. Red.) Ansonsten die Artist-Allee. Da findet man einfach Dinge, die man sonst nirgends bekommt. Das ist keine Standardware, jeder Zeichenstil ist anders und es gibt unheimlich viele kreative Sachen.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich in euren Bring & Buy Areas einige Schätze heben lassen – Bring & Buy, ein unverzichtbares Convention-Thema. Und ihr habt weitere interaktive Formate im Programm: Workshops, Wettbewerbe, ein Gaming-Festival. Mit der Seijin Area gibt es außerdem einen Bereich exklusiv für erwachsene Otakus, also für Fans 18 plus.
Zum einen gewährleisten wir so den Jugendschutz, denn ganz klar gehören zu Anime/Manga auch erwachsene Themen und die Faszination besteht auch darin, dass mit Tabus in diesen Medien anders umgegangen wird als in Hollywood. Der zweite Gedanke ist einfach der: Auch wer seit 15, 20 Jahren oder länger Teil der Community ist, soll sich bei uns connecten und austauschen können.

Bei euch ist also nicht alles cute beziehungsweise kawaii?
Ein roter Faden, der sich durch alle möglichen Bereiche japanischer Popkultur zieht, ist in der Tat die Ästhetik. Kawaii, also das Niedliche, ist dabei schon sehr dominant, aber es gibt andere Strömungen, die mehr ins Coole gehen oder ins Ausgefallene, ins Extravagante oder einfach auch ins sehr Elegante.
Was passiert auf euren sieben Bühnen?
Auf der größten, der Black Stage mit 4.000 Sitzen, finden Konzerte statt, aber auch Interaktives wie die Cosplay Contests und die große Charakterversteigerung (Bei dieser kann man sich oder den Cosplay-Charakter, den man verkörpert, für zwei Stunden für einen guten Zweck versteigern lassen/Anm. d. Red.). Dann gibt es noch die hybride Live Stage mit 1.000 Sitzen, die live gestreamt wird. Dort finden zum Beispiel große Contests statt – wir leben ja sehr viel Interaktivität. Die kleineren Bühnen sind Themen zugeordnet, es gibt etwa eine Dance Stage, eine Fashion Stage oder den Eventbereich Hana no Machi, wo sich ein traditionelleres Japan und Popkultur mischen.

Welche Musik-Acts und andere prominente Gäste habt ihr diesmal eingeladen?
Zu den Music Acts gehört das japanische Duo Myth & Roid, die wirklich viele Anime-Openings gesungen haben. Und dann Shiyui, eine Sängerin aus Japan, die ebenfalls aus dem Anime- und Utaite-Bereich kommt (Utaite beschreibt eine Person, die Songs, die auf Plattformen wie YouTube veröffentlich wurden, covert/Anm. d. Red.). Erstmals versammelt sind die Anime Allstars. Die haben für viele klassische Animes wie Sailor Moon, Pokémon oder Dragon Ball Z die deutschen Songs eingesungen. Wir supporten auf der DoKomi außerdem Content Creator und Synchronsprecher*innen.
Im Rahmen der DoKomi finden auch Partys statt, zum einen der Cosplay-Ball, zum anderen der J-Rave miteinem Fokus auf japanische Elektromusik. Fliegt ihr die DJs extra ein?
Ja, genau. Wir kooperieren unter anderem mit Mogra, einem Club mitten im Tokioter Stadtviertel Akihabara. Mit dabei sind die beiden lokalen DJs, die den J-Rave organisieren, so verbindet die DoKomi die deutsche Otaku-DJ-Szene mit der japanischen. Es gibt in Düsseldorf noch keine echte japanische Clubkultur. Mit dem Akiba-Club haben wir im letzten Jahr anlässlich der MTV Music Week zusammen mit D.Live und dem Club MTV einen japanischen Clubevent organisiert – mal sehen, was noch kommt. Die andere Abendveranstaltung der DoKomi, der Cosplay-Ball, ist seit der Premiere 2011 einer der beliebtesten Programmpunkte und in der Regel innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Ihr habt auch eine Food Area. Gibt es Kooperationen mit Little Tokyo?
Ja, absolut. Zum Beispiel beliefert das Café Cerisier unser Maid Café mit cuten Törtchen, Kuchen und Konditoreiprodukten. Takumi ist mit mehreren Ständen vertreten. Und die Firma Tee-Deli, die den Bubble-Tee-Laden Sphere Bay an der Immermannstraße betreibt, ist auf der Con seit Jahren mit mehreren Bubble-Teestände vor Ort.

Führung
Manga, Mochi & mehr
Kulinarik & Kultur, das verspricht diese Führung durch Little Tokyo. Wir zeigen dir auf der Tour feine Matcha-Taiyaki, süße Mochi und den ersten Gashapon-Store in Europa. Außerdem erhältst du Insidertipps rund um Little Tokyo.
Neugierig? Buche jetzt deine Führung!
Hier geht’s zur Buchung.
Wenn du privat in Little Tokyo unterwegs bist, wo gehst du hin?
Das ist verschieden. In Little Tokyo hat man ja wirklich die gesamte Bandbreite. Wo ich vielleicht am häufigsten lande, ist Maruyasu. Da ist es superlecker und sie haben nachmittags geöffnet, dann, wenn ich oft Hunger und Zeit habe. Ich gehe gerne im Takagi Bookstore vorbei, um mich mit Mangas und Animes einzudecken. Und in den japanischen Supermärkten findet man jede Menge authentische Snacks und Getränke, etwa „Melonpan“ von Bakery My Heart.
Und abseits von Little Tokyo – was magst du an Düsseldorf?
Ich spaziere gerne am Rhein entlang. Wenn bei gutem Wetter die Sonne auf den Rhein strahlt und der so richtig funkelt, das ist wirklich magisch. Gerade dort, wo Düsseldorf grün ist, ist es megaschön.
Info
Die DoKomi 2024 findet vom 28. bis 30. Juni 2024 in der Messe Düsseldorf und dem Congress Center Süd statt. Weitere Informationen unter dokomi.de.
Interview: Eva Westhoff
Fotos: Visit Düsseldorf, DoKomi 07/2023



