Schriftstellerin Mithu Sanyal steht leicht vorgebeugt, die Hände liegen auf der Rückenlehne eines Stuhls, auf dem eine gelbe Decke liegt.

Feminismus für alle – Ein Austausch mit Mithu Sanyal, Schriftstellerin & Kulturwissenschaftlerin

Interview

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„Niemand soll es schlechter gehen, damit es mir bessergeht, sondern wir müssen gemeinsam die Strukturen verändern.“

Wir haben Mithu Sanyal getroffen. Pünktlich zum Weltfrauentag am 8. März. Schon als kleines Mädchen träumte Mithu Sanyal davon, Schriftstellerin zu werden. Zunächst promovierte sie jedoch als Kulturwissenschaftlerin, arbeitete als Journalistin und schrieb zwei vielbeachtete Sachbücher, bevor sie ihren ersten Roman „Identitti“ veröffentlichte. Dieser wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert, wie übrigens auch ihr zweiter Bestseller „Antichristie“, der im vergangenen Herbst 2024 erschien. Wie es ist, sich seinen Kindheitstraum zu erfüllen und warum sie glaubt, dass der Weltfrauentag auch heute noch von großer Wichtigkeit ist, erzählt uns die Feministin Mithu Sanyal in einem Gespräch.

Mithu Sanyal im Profil, sie sitzt bei sich in der Küche an einem Tisch.

Mithu, du bist nicht nur Feministin und erfolgreiche Schriftstellerin, sondern auch Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und arbeitest beispielsweise für den WDR und die taz. Wie bist du zur Literatur gekommen?
Ich habe schon immer Literatur gemacht. Anfang der 1990er Jahren hatte ich mit anderen jungen Autor*innen die Literaturgruppe „Offenbar 6/7“ ins Leben gerufen. Wir haben das gemacht, was später Social Beat und noch später Spoken Word genannt wurde. Damals hatte ich eine sehr schöne Kurzgeschichte in einem Sammelband veröffentlicht und kurz darauf auch eine Agentin. Die Verlage sagten seinerzeit aber: „Danke, wir haben schon eine Inderin.“ Damit meinten sie die sehr bekannte Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy.

Dein erstes Buch war dementsprechend keine Belletristik, sondern das Sachbuch „Vulva“.
Genau. Als ich meine Doktorarbeit über die Kulturgeschichte der Vulva schrieb, hatte ich keine Lust für die Veröffentlichung zu bezahlen. Ich suchte mir einen Verlag für eine überarbeitete, populärwissenschaftliche Fassung, die dann bei Wagenbach erschien. „Vulva“ war definitiv ein publizistischer Erfolg, der sich für ein Sachbuch in einem kleinen Verlag gut verkaufte.

Dein zweites Buch „Vergewaltigung“ war ebenfalls sehr präsent, aber polarisierte …
Zunächst wollte niemand das Buch veröffentlichen. Die Verlage hatten große Berührungsängste. Es gab zwei Knackpunkte: Zum einen habe ich das damals noch omnipräsente Konzept, dass das Opfer nach einer Vergewaltigung für immer gebrochen sein muss, in Frage gestellt. − Wohlgemerkt, ich nehme Trauma sehr ernst, aber es ist auch wichtig über Heilung zu sprechen. − Das andere Problem für die Verlage war, dass ich auch über männliche Opfer geschrieben habe. Als „Vergewaltigung“ dann doch Anfang 2016 bei Nautilus erschien, gab es sofort den Bezug zu den sexuellen Übergriffen an Silvester 2015/2016 in Köln. Bei meinen Lesungen ging es plötzlich nur noch um Asylpolitik – und ich wurde immer wieder als Expertin im Fernsehen befragt. Es gibt manchmal Koinzidenzen: Man schreibt über ein Thema, das auf einmal politisch brisant ist und in meinem Fall, plötzlich hoch rassistisch aufgeladen.

Unser Interview erscheint zum Weltfrauentag. Was denkst du als Feministin über diesen Tag? Ist er heutzutage noch relevant?
Ich liebe den Weltfrauentag, der ursprünglich ins Leben gerufen wurde, um das Wahlrecht für alle zu erkämpfen. Es gab damals auch ganz viele Männer, die nicht wählen durften. Ich bin aber nicht nur Feministin, sondern arbeite zu vielen anderen Themen wie Rassismus und Postkolonialismus. Für mich gehört das alles zusammen. Der Weltfrauentag als ein historischer, jährlich wiederkehrender Tag ist ein wichtiger journalistischer Anlass, noch einmal genau hinzuschauen, was sich im vergangenen Jahr verändert hat. Denn: Das Patriarchat unterdrückt uns ja alle in unterschiedlichster Form. Es gibt lediglich ein paar wenige Gewinner.

Du glaubst also, dass auch Männer unter dem Patriarchat zu leiden haben?
Ja, natürlich. Männer sind zwar in den obersten Einkommensklassen überdurchschnittlich häufig vertreten, aber auch unter Drogenabhängigen, Suizidtoten, Wohnungslosen oder in Gefängnissen. Selbst diejenigen, die auf den ersten Blick vom Patriarchat profitieren, müssen dazu erst einmal ihre Persönlichkeit beschneiden.

Wie meinst du das?
Es gibt viele Studien darüber, dass wir unsere Söhne seltener in den Arm nehmen als unsere Töchter, dass wir weniger mit ihnen reden, dass sie gesellschaftlich weniger Wärme bekommen. Das heißt nicht, dass Männer die eigentlichen Opfer sind, sondern dass das Patriarchat sich auf alle auswirkt. Nur halt in unterschiedlicher Form und wir wissen einfach viel mehr über die Auswirkungen des Patriarchats auf Frauen, weil Feministinnen da sehr viel Forschungsarbeit geleistet haben.

Stillleben von Mithu Sanyals Küchentisch. Man sieht einen Kaffeebecher, in dem Stifte stehen und Tomaten.

Wie bist du zum Feminismus gekommen?
Meine Mutter hatte Krebs, als ich elf Jahre alt war, und hat sich danach viel mit Komplementärmedizin beschäftigt. Daher sind wir immer in einen Frauenbuchladen gegangen, weil es dort Bücher der Frauengesundheitsbewegung gab, esoterische Ratgeber, politische Theorie, alles nebeneinander. Und so bin ich als junge Frau zum Feminismus gekommen. Es war eine unglaubliche Erleichterung für mich zu begreifen, dass mir als Frau gewisse Dinge nicht deshalb zustießen, weil ich irgendwie falsch war, sondern weil es strukturelle Probleme gab. Und diese Strukturen wollte ich verändern.

Wir haben jetzt über Mithu Sanyal als Journalistin und Feministin gesprochen. Seit einigen Jahren bist du aber auch als Bestsellerautorin bekannt. Wie kam es dazu?
Wie gesagt: Ich wollte schon als Kind Literatur schreiben, noch bevor ich schreiben konnte. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter mir Enid Blyton vorgelesen hat, und ich dachte: Das will ich auch, also Geschichten erzählen; nur war der Buchmarkt nicht für meine Geschichten offen. Und so hat es gedauert, bis ich im Jahr 2020, also im Alter von knapp 50 Jahren, „Identitti“ veröffentlichte …

… das auf Anhieb sehr erfolgreich war.
Dabei bot es meine Agentin zunächst mehreren Verlagen an, die das Buch zwar gut fanden, es aber für unverkäuflich hielten. Bis Florian Kessler, Lektor beim Hanser Verlag, sich schließlich traute, es zu veröffentlichen.

In „Identitti“ geht es um eine junge Frau mit indischen Wurzeln, die in Düsseldorf an der Heinrich-Heine-Universität studiert. Wieviel Mithu Sanyal steckt in deiner Hauptfigur Nivedita?
Ich bin doppelt so alt wie Nivedita. „Identitti“ ist eindeutig kein autobiografischer Roman. Er spielt aber in dem Milieu, in dem ich großgeworden bin. Und beschäftigt sich mit Auseinandersetzungen, die ich mein Leben lang führte. Alle denken, es ist ein Buch über Cultural Appropriation, weil die andere Hauptfigur vorgibt, eine Inderin zu sein. Aber für mich ist das Thema „Growing Up Mixed Race in Germany“. Neben der Verarbeitung meiner persönlichen Reflektionen habe ich als Journalistin und Wissenschaftlerin zusätzlich viel Recherche eingebracht.

Bücher im Bücherregal von Mithu Sanya.

Der Roman hat ein sehr modernes Konzept, du arbeitest in „Identitti“ zum Beispiel mit Tweets, die als Kommunikationsmittel zwischen den Leser*innen und der Außenwelt fungieren.
Ja, und der Witz ist: Viele denken, dass ich total Social-Media-affin bin. Dabei kann ich nicht einmal auf meinem Handy tippen. (Lacht.) Daher habe ich echte Menschen gebeten, für mich die Tweets zu schreiben, die im Buch zu lesen sind. Und das ist wohl tatsächlich eine literarische Innovation. Ansonsten steht mein Roman eher in der Tradition des angelsächsischen Storytellings. Es gibt also Figuren mit Namen und Backstories, es gibt einen Plot, der von Dialogen getrieben wird, und vor allem relativ viel Humor.

Gibt es keinen Humor in deutscher Literatur?
Natürlich gibt es den, man muss nur Heinrich Heine lesen. Aber seit der Nachkriegsliteratur wurde Humor mit Misstrauen betrachtet, nach dem Motto: Ist das echte Literatur, wenn es Spaß macht, sie zu lesen? Ich finde, es ist eine merkwürdige Doppelung, über ernsthafte Themen in ernsthafter Form zu schreiben. Gerade, wenn ich emotional tief gehe, muss ich stilistisch dagegen steuern, damit es nicht Melodrama wird. Ich wollte vielmehr eine Form finden, in der es genug Brechungen gibt, um emotional folgen zu können und sich begeistert mit einem Thema auseinanderzusetzen, mit dem man sich sonst vielleicht nicht beschäftigen möchte.

Im letzten Herbst erschien dein zweiter Roman „Antichristie“. Worum geht es da?
Das Buch spielt zum größten Teil in London und beginnt im Jahr 2022 zum Tod der Queen, springt dann aber zurück ins Jahr 1906, ins India House, das vordergründig ein Boarding House für indische Studenten in London war, in dem allerdings de facto indische Revolutionäre Bomben bauten …

Dieses Mal gibt es offenbar keinen persönlichen Bezug.
Ich habe noch nie Bomben gebaut, aber trotzdem habe ich eine emotionale Nähe zu dem Thema. Alte Freunde meines Vaters haben sich am Freiheitskampf beteiligt, obwohl sie Kinder waren, als Indien unabhängig wurde. Ich kenne die ganzen Auseinandersetzungen über politische Gewalt aus der Linken. Und ich konnte mich immer daran festhalten, dass wir den richtigen, den gewaltfreien Widerstand mit Gandhi gemacht haben. Deshalb war es für mich so ein Schock herauszufinden, dass es ebenfalls bewaffneten Widerstand in Indien gab.

Wir leben gerade insgesamt in sehr herausfordernden Zeiten. Wie blickst du in die Zukunft?
Ich verzweifle nicht, weil es unsere politische Aufgabe ist, nicht zu verzweifeln, weil wir sonst unsere Kraft den Rechten geben. Ich gehe davon aus, dass am Ende alles gut wird, sonst ist es nicht das Ende. Das ist ein Zitat von Oscar Wilde. Literatur wird definitiv eine Rolle bei der Rettung der Welt spielen, weil sie weitere, diversere Stimmen hörbar macht – und da bin ich nur eine von ganz vielen.

Aber eine sehr präsente: Deine beiden Romane „Identitti“ und „Antichristie“ wurden für den Deutschen Buchpreis nominiert. Wie fühlt es sich an, wenn ein Kindheitstraum plötzlich in Erfüllung geht?
Erfolg mit Anfang 50 ist besser zu verarbeiten als mit Mitte 20. Inzwischen habe ich meinen Alltag, die Kinder – und dann kommt halt das Fernsehen vorbei und filmt dich ein bisschen. (Lacht.)

Lass uns zum Ende unseres Gesprächs noch einmal auf den Weltfrauentag zurückkommen. Glaubst du, dass man ihn irgendwann vielleicht nicht mehr braucht?
Ich habe einen Sohn und eine angeheiratete Tochter – und ich war ziemlich schockiert, wie beide Kinder mit Geschlechterbildern zu kämpfen hatten. Meine Generation ist noch in dem Glauben aufgewachsen, Jungs seien die Gewinner der Geschlechterlotterie, aber das ist und war noch nie so. Manche meinen, Feminismus bedeutet, dass Männer etwas abgeben müssen, damit Frauen mehr bekommen. Aber so ist es nicht! Niemand soll es schlechter gehen, damit es mir besser geht, sondern wir müssen gemeinsam die Strukturen verändern.

Ein sehr schönes Schlusswort, Mithu. Dennoch habe ich noch eine Frage: Du lebst und arbeitest schon seit vielen Jahren in Oberbilk. Welche schönen Orte kannst du in deinem Viertel empfehlen?
Ich mag die marokkanischen Läden, denn hier bekommt man das beste Gemüse und den frischesten Fisch. Außerdem liebe ich den Volksgarten, der mir wieder geistige Gesundheit gibt. Und natürlich den Bauernmarkt, der jeden Donnerstag am Lessingplatz stattfindet, aber leider immer kleiner wird. Vielleicht kommen mehr Händler*innen, wenn auch wieder mehr Menschen dort einkaufen? Das würde ich mir wünschen!

Mehr Informationen zum Weltfrauentag.

Text: Katja Vaders
Fotos: Uwe Kraft

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