Portrait von Aya Murakami, die einen dunkelblauen Kimono trägt in einem traditionellem japanischen Raum im EKO-Haus.

Begegnung im EKO-Haus mit Aya Murakami, Meisterin der Kalligrafie

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„Ich fühle mich als Japanerin hier sehr wohl. Selbst wenn ich im Kimono durch die Immermannstraße gehe, schauen die Leute nicht irritiert.“

Das EKO-Haus ist die Seele der japanischen Community Düsseldorfs. Ein Ort der Stille und inneren Einkehr. Ohnehin gilt Düsseldorf als das Herz der japanischen Kultur in Deutschland. Zwischen Sushi-Bars, japanischen Buchhandlungen an der Immermannstaße und dem EKO-Haus in Niederkassel mit seinem buddhistischen Tempel und Zen-Garten finden sich zahlreiche Orte und Menschen, die japanische Tradition erlebbar machen. Menschen wie Aya Murakami. Vor fast 30 Jahren der Liebe wegen von Tokyo nach Deutschland gezogen, agiert die Künstlerin als Botschafterin der japanischen Kultur und unterrichtet Kalligrafie, Zen-Kultur und Ikebana. Für Aya ist Shodô – der über 1.500 Jahre alte japanische Weg des Schreibens – nicht nur Kunst, sondern auch ein Stück Heimat.

Aya Murakami steht auf einem Weg vor dem EKO-Haus.

Aya, Du praktizierst Kalligrafie, seitdem du sechs Jahre alt bist – das ist fast dein ganzes Leben. Wie hat sich deine Beziehung dazu verändert?
Angefangen habe ich als Kind in Japan, weil schöne Handschrift damals in der Bildung, besonders für Mädchen, sehr wichtig war. Doch im Laufe der Zeit wurde Kalligrafie für mich viel mehr als nur eine schöne Schrift. Ich habe dadurch die Ästhetik traditioneller Kultur und klassischer Literatur neu entdeckt. Seit 1997 lebe ich in Deutschland und unterrichte Kalligrafie an japanischen Samstagsschulen, Universitäten wie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, an Volkshochschulen und bei japanischen Kulturveranstaltungen. Als Vertreterin der Japanese Calligraphy Education Foundation biete ich eine Kalligrafie-Ausbildung in Europa an. Kalligrafie ist mein Stück Heimat, mein Weg, japanische Kultur lebendig zu halten. Wenn ich einen Pinsel in der Hand halte, ist mein Herz in Japan.

Welche Bedeutung hat Kalligrafie in Japan – und was gibst du deinen Schülerinnen in Europa mit?
Jedes Kanji-Zeichen hat eine eigene Bedeutung. Kalligrafie ist deshalb mehr als Schreiben – sie ist Kunst, Philosophie und Literatur zugleich. Wer Kalligrafie lernt, begreift auch japanische Zen-Kultur und Geschichte. Gerade Studierende der Japanologie schätzen diese Verbindung von Sprache und Kultur, und viele Japaner*innen, die in Deutschland leben, erfahren durch Kalligrafie auch etwas über ihre eigene Identität.

Von oben fotografiert, sieht man einen Tisch, darauf Ayas gefaltete Hände und links davon ein Papier mit kalligrafischen Schreibübungen.

Du hast Schüler*innen aus Japan und aus Deutschland. Gibt es Unterschiede in ihrem Zugang? Japaner*innen und Deutsche haben viel gemeinsam: Wir schätzen grundlegende Dinge wie die Schönheit der Natur, die Kraft der Stille und die Liebe zum Kunsthandwerk. Deutsche lernen Kalligrafie oft, weil sie tief in eine andere Kultur eintauchen wollen. Jede*r meiner Schüler*innen hat eine eigene Motivation: Manche kommen aus Neugier auf Zen und suchen Ruhe in ihrem hektischen Alltag. Andere sind durch Manga oder Anime zur japanischen Kultur gekommen und wollen dann tiefer einsteigen, etwa indem sie die Sprache besser lernen und japanische Literatur im Original lesen können. Kalligrafie eröffnet ihnen dabei neue Perspektiven: Sie verstehen die kulturellen Wurzeln Japans auf einer ganz neuen Ebene. Auch wenn man nicht sofort perfekt schreiben kann, geht es um das Erlebnis, die Ruhe und das Verständnis dahinter – nicht um ein fertiges Kunstwerk.

Du bist seit 20 Jahren Zen-Praktizierende und hast dich im Ryutaku Tempel im japanischen Shizuoka ausbilden lassen. Ist Kalligrafie für dich eine Art Meditation?
Ja, auf jeden Fall. Kalligrafie und Zen teilen den Gedanken, ganz in eine Tätigkeit einzutauchen. Wenn ich Kalligrafie mache, verbinde ich mich mit Atem, Körperhaltung und Pinselbewegung. Alles fließt zusammen, bis ich eins bin mit dem, was ich tue – so wie beim Zazen, der Sitzmeditation. Es geht um den Prozess, nicht um das Endergebnis. Durch diese Übungen entstehen innere Ruhe und Gelassenheit. Zen ist kein spezieller Zustand, den man nur im Lotussitz erreicht. Zen kann Alltag sein: kochen, putzen oder eben schreiben.

Wie viele japanische Künste steckt Kalligrafie voller ritueller Elemente. Wie viel Handwerk und Vorbereitung stecken in dem Zeichenprozess?
Kalligrafie ist ein durchdachtes Zusammenspiel von Atmosphäre, Literatur und Material. Ich wähle Gedichte passend zur Jahreszeit, überlege Papier, Tusche und die Position der Schrift. Manchmal verwende ich Papiere mit Gold- oder Farbakzenten, um die Stimmung des Gedichts zu unterstreichen. Für eine Kalligrafie Ausstellung im EKO-Haus der japanischen Kultur in Düsseldorf habe ich mit Tusche gearbeitet, die in Suzuka in der Mie-Präfektur hergestellt wird. Suzuka war früher berühmt für seine Tuschehersteller – es gab dort einmal mehr als 30 Werkstätten. Heute existiert nur noch ein einziger Betrieb, in dem die Tusche traditionell von Hand geknetet wird.

Bei Kalligrafie geht es aber nicht nur um Meditation, sondern auch um Perfektion. Wie passt das zusammen?
Beides gehört zusammen. Jeder Schritt, jede Übung ist wichtig, weil man dadurch innere Reife entwickelt. Das Ergebnis – das fertige Werk – ist nur ein Teil des Prozesses. Viel bedeutender ist der Weg dahin, der dir Ruhe und inneres Glück gibt. Das ist für mich der Kern. Das gilt übrigens nicht nur für Kalligrafie, sondern auch für andere japanische Künste wie die Teezeremonie, Ikebana oder Kampfkünste. Sie alle beginnen mit festen Ritualen und entwickeln sich mit der Zeit zu einer Meisterschaft, die weit über die Technik hinausgeht.

Der Garten des EKO-Hauses, man sieht vor allem die Bäume.

Hast du das Gefühl, dass das Interesse an Zen und japanischen Traditionen in letzter Zeit wächst?
Absolut. Nach der Corona-Zeit sehnen sich viele Menschen nach Ruhe und Achtsamkeit. Kalligrafie oder Zen bieten genau das: einen Moment der Stille, weit weg vom hektischen Alltag. Ich glaube, das ist ein Grund, warum immer mehr Menschen neugierig auf diese alten Traditionen sind. Es erfüllt mich sehr, wenn andere – Deutsche wie Japaner*innen – durch meine Arbeit etwas Neues entdecken, sei es Sprache, Kunst oder einfach ein Moment der Ruhe.

Wie erlebst du die japanische Community in Düsseldorf?
Düsseldorf hat eine große japanische Gemeinschaft, bekannt vor allem durch den Japan-Tag, der jedes Jahr tausende Besucher*innen aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland anzieht. Es gibt außerdem den Japanischen Club, der vor allem für Familien und Beschäftigte aus der japanischen Industrie kulturelle Aktivitäten anbietet. Ein ganz besonderer Ort für japanische Kultur und buddhistische Praxis ist für mich aber das EKO-Haus.

Der Zen-Garten des EKO-Hauses.

Versteckt in Niederkassel liegt ein japanischer Tempel mit Kulturzentrum und Zen-Garten – ein echter Hidden Spot, den selbst viele Düsseldorf*erinnen noch nie entdeckt haben. Welche Bedeutung hat dieser Ort der Spiritualität und Begegnung für dich als Japanerin?
Ich lebe nun seit 30 Jahren in Deutschland und bekomme manchmal Heimweh. Wenn ich das EKO-Haus betrete, fühlt es sich an, als würde ich ein Stück Heimat wiederfinden. Dort gibt es viele Angebote: nicht nur japanische Kulturveranstaltungen, sondern auch buddhistische Kurse und Unterricht. Und die richten sich nicht nur an Japaner*innen, sondern auch an viele Deutsche, die sich für diese Kultur und Spiritualität interessieren. Zweimal im Jahr veranstaltet der EKO-Tempel eine Zen-Meditationssitzung, zu der ein Rinzai-buddhistischer Priester aus Japan eingeladen ist. Darüber hinaus veranstalten wir jeden Freitagabend eine Zazen-Sitzung. Alle sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

Was schätzt du generell an Düsseldorf?
Düsseldorf ist sehr japanisch geprägt – mit vielen Restaurants, Supermärkten und sogar japanischen Buchhandlungen. Ich fühle mich als Japanerin hier sehr wohl. Selbst wenn ich im Kimono durch die Immermannstraße gehe, schauen die Leute nicht irritiert.

Hast du ein japanisches Lieblingsrestaurant?
Ich koche sehr gern zu Hause mit Lebensmitteln aus den japanischen Supermärkten rund um die Immermannstraße, etwa Hanaro. Wenn ich aber Lust auf Sushi habe oder mit deutschen Freunden etwas Besonderes essen möchte, gehe ich gern ins Restaurant Hyuga – mein Geheimtipp.

ayamurakami.de

Aya Murakami in einem Gang des EKO-Hauses. Bodentiefe Fenster führen zum Garten. Der Boden des Gangs ist aus Holz.
Info

Wer neugierig geworden ist und sich näher mit Kalligrafie beschäftigen möchte, kann Aya Murakami gerne kontaktieren: [email protected]
Aya bietet aber nicht nur Kurse und Workshops zu Kalligrafie (Shodô) an, sondern auch zu den Themen Zen-Kultur und Ikebana. Unsere Autorin Karolina Landowski hat bereits einen Ikebana-Kurs von Aya besucht und war begeistert.

Text: Karolina Landowski
Fotos: Kenny Tran/Visit Düsseldorf

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