
#1 Deep Dive Düsseldorfer Schauspielhaus – Das neue Central als Herz des Bahnhofsviertels
„Ich wünsche mir, dass Menschen merken, es ist ihr Theater, wo man mitmachen kann, gehört wird und am kulturellen Leben teilhaben kann. Und das unabhängig vom Geldbeutel.“
Birgit Lengers, Leiterin Stadt:Kollektiv/Düsseldorfer Schauspielhaus
Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat mit dem Central einen neuen kulturellen Kraftort geschaffen. In dem langgestreckten Bau zwischen Hauptbahnhof und Worringer Platz, mit seiner markanten gläsernen Brücke, haben das Junge Schauspiel sowie das Stadt:Kollektiv eine neue, sehr urbane Heimat gefunden. Auch die Werkstätten und der große Fundus des Düsseldorfer Schauspielhaus sind im Central. Von Bühnenbildnern über Kostüme bis hin zu Requisiten hergestellt, was zu einer spannenden Theateraufführung dazugehört. Wir haben mit Birgit Lengers (Leiterin Stadt:Kollektiv) und Stefan Fischer-Fels (Leiter Junges Schauspiel) über das Central, die Transformation des Bahnhofsviertels, partizipatives Theater und die Vision eines lebendigen Kulturquartiers gesprochen.

Ihr seid jetzt seit einigen Monaten im neuen Central, das zum Düsseldorfer Schauspielhaus gehört. Stellt euch doch erstmal kurz vor und erzählt, was am neuen Standort anders ist als vorher?
Birgit Lengers: Mein Name ist Birgit Lengers und ich leite das Stadt:Kollektiv. Das ist die partizipative Sparte des Düsseldorfer Schauspielhaus, also zum Mitmachen, Mitwirken, Mitreden, Mittun. Ich komme aus Berlin, da habe ich lange Jahre das Junge DT am Deutschen Theater geleitet. Ich bin jetzt seit dreieinhalb Jahren in Düsseldorf. Das Schönste am neuen Standort ist, unsere beiden Sparten, Stadt:Kollektiv und Junges Schauspiel, sind jetzt zusammen an einem Ort. Wir waren vorher an der Ronsdorfer Straße und Stefan an der Münsterstraße. Jetzt können wir wirklich gemeinsam arbeiten, Räume teilen und Synergien nutzen. Theater schauen und Theater selbst machen – das gehört für uns zusammen, und lässt sich hier viel organischer umsetzen.
Stefan Fischer-Fels: Mein Name ist Stefan Fischer-Fels, ich bin Leiter des Jungen Schauspiels, das 32 Jahre in der Münsterstraße in Rath war. Ich bin, mit einer Unterbrechung, jetzt fast 18 Jahre Leiter des Jungen Schauspiels. Ursprünglich komme ich aus Berlin, aber Düsseldorf ist mein Zuhause. Mit dem Central sind aus vier Standorten des Düsseldorfer Schauspielhaus zwei geworden – das Mutterhaus am Gustaf-Gründgens-Platz und das „Kind“ im Central. Wir nennen es auch gerne den wilden Teenager, mitten in einer der herausforderndsten Gegenden Düsseldorfs. Und genau dahin gehört Theater für junge Menschen. Wir erzählen die Konflikte der Welt auf der Bühne, und draußen sehen wir sie direkt vor der Tür.

Was macht den Standort im Bahnhofsviertel so besonders?
Stefan: Der Worringer Platz hat eine unglaubliche Geschichte. Er galt mal als der Broadway von Düsseldorf. Damals stand hier noch das Kapitol-Theater. Es gibt Kunstgeschichte und Industriegeschichte, denn hinter dem Hauptbahnhof waren die Stahlwerke. Das ist eine wilde, spannende Gegend mit tollen Menschen. Und es entsteht gerade ein Kulturquartier, wie es das selten gibt. Niedrigschwellig und zugänglich für alle, die nicht mit dem Opernabo geboren wurden.
Ihr sprecht von einem Kulturquartier. Wer gehört außerdem dazu?
Birgit: Das FFT und die Zentralbibliothek befinden sich gegenüber und das Tanzhaus NRW ist in direkter Nachbarschaft. Wir alle haben Programme zum Mitmachen, und das prägt diesen Ort. Wir vernetzen uns, machen gemeinsame Straßenfeste. Am 1. Juni haben wir gezeigt, dass man vom Hauptbahnhof bis zum Tanzhaus dieses Viertel beleben und bespielen kann. Dafür sind wir alle da.
Das klingt nach aktiver Stadtentwicklung. Wie sieht das konkret aus?
Stefan: Wir arbeiten mit der Stadt zusammen im Projekt SIBU (Sicherheit im Bahnhofsumfeld). Wir wollen aber nicht nur Sicherheit, sondern auch Attraktivität. Wir sind Meister*innen in Inszenierungen und können daher über Licht anders nachdenken als das Ordnungsamt. Die wollen es hell, wir wollen es schön. Wenn das zusammenkommt, kann etwas wirklich Interessantes entstehen, damit das Viertel eine andere Sichtbarkeit bekommt.

Birgit, was können Besucher*innen im Stadt:Kollektiv konkret erleben und selbst machen?
Birgit: Wir bieten sehr unterschiedliche Formate für alle Altersgruppen. Es gibt drei große Inszenierungen im Repertoire, bei denen nicht-professionelle Darsteller*innen auf der Bühne stehen, in einem komplett professionellen Rahmen. Dazu haben wir sieben Clubs, die sich wöchentlich treffen. Einen Kinderclub ab acht Jahren, den Seniorenclub Ü65, einen Mixed-Able-Club für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Dazu kommen offene Formate wie Move-It, Yoga im Foyer des Düsseldorfer Schauspielhaus, Spieleabende oder Sing-Mit, wo man einfach zusammen singt. Das Bedürfnis der Menschen, zusammenzukommen und gemeinsam etwas zu machen, ist riesig. Man kann hier Party feiern, Workshops machen, Filme schauen. Es ist ein Ort, wo man zusammenkommt.
Die persönlichen Geschichten der Teilnehmenden sind Euch sehr wichtig. Wie bringt ihr die auf die Bühne?
Birgit: Wir nehmen oft klassische Texte wie Romeo und Julia oder Die Verwandlung und lesen sie neu mit den eigenen Geschichten der Teilnehmenden. Was erzählt uns das heute noch? Es geht um Repräsentation und darum, dass Menschen merken, dass hier ein Ort ist, wo ihre Geschichten, Ängste und Freuden gehört werden. Bei unserer aktuellen Produktion Das Floß der Medusa stehen Menschen auf der Bühne, die im Ensemble eigentlich nicht vertreten wären. Wir haben eine starke queere Sparte mit Lasse Scheiba, der auch als Drag Queen Effie Beast bekannt ist.

Stefan, wie sieht das beim Jungen Schauspiel des Düsseldorfer Schauspielhaus aus? Können Kinder und Jugendliche auch bei Euch aktiv am Theaterleben teilnehmen?
Stefan: Bei uns entsteht der Spielplan im Dialog mit Kindern und Jugendlichen. Wir haben eine große theaterpädagogische Abteilung, die mit jungen Menschen arbeitet. Nicht als Beschäftigungstherapie, sondern weil wir kein Theater für Kinder machen können, ohne ganz nah am Puls zu sein. Ein Beispiel: Im Dezember kommt In meinem Kopf ist eine Pommesbude. Das basiert auf Interviews mit Jugendlichen, Lehrer*innen, Eltern und Psychiater*innen über die Folgen der Pandemie. Die Jugendlichen sagten uns, dass wir die ersten gewesen seien, die danach gefragt fragen.
Es ist beeindruckend, wie eingebunden die Stadtgesellschaft ins Central ist. Es ist ein Ort an dem alle teilhaben können.
Stefan: Wir wollen nicht nur junges Theater machen, sondern ein Ort für junge Menschen sein. Die Central Youngsters machen monatlich eine Teenager-Disko und es finden Poetry Slams statt. Mit dem WDR produzieren junge Menschen Podcasts über die Stadt. Beim Wintercamp kommen 80 Jugendliche für eine Woche hierher und schlafen in den Sälen. Das ist wie ein Festival. Die wachen morgens auf, sehen die Bühne und denken, das ist mein Zuhause.

Das Umfeld des Central mit dem Hauptbahnhof und dem Worringer Platz entspricht nicht dem üblichen Hochglanzbild von Düsseldorf. Was habt Ihr noch für Pläne für dieses Viertel?
Stefan: Mein großer Traum ist ein Theaterstück über die Geschichten des Worringer Platzes, quasi ein Bahnhofs-Musical. Drei Stunden Material habe ich schon. Eine weitere Utopie ist es, einen Durchbruch vom Central zum FFT und zur Zentralbibliothek zu schaffen. Dann hätten wir einen Durchgang und könnten zwei Kilometer lang oberirdisch durch Düsseldorf laufen und Kultur erleben.
Birgit: Im Dezember machen wir Schaufenstertheater im House of Friends am Worringer Platz, dem ersten selbstverwalteten Geflüchtetenheim Deutschlands. Und wir planen ein großes Community-Projekt über den Worringer Platz. Diese Vernetzung mit dem FFT, dem Tanzhaus, der Bibliothek, den Anwohnern, den Geschäften, das soll alles zu einem lebendigen und lebenswerten Stadtteil zusammenwachsen.
Was ist Eure Vision für Central in den kommenden Jahren?
Stefan: Dass das Central DER Ort für junge Kultur in Düsseldorf wird. Wenn du jung bist oder jung geblieben, kommst du hierher. Da passiert was, da triffst du Leute, da kannst du was erleben.
Birgit: Ich wünsche mir, dass wir die ganze Stadtgesellschaft erreichen und abbilden. Dass Menschen merken, es ist ihr Theater, wo man mitmachen kann, gehört wird und am kulturellen Leben teilhaben kann. Und das unabhängig vom Geldbeutel.
Mehr Informationen unter dhaus.de.
Text: Clemens Henle
Fotos: Kenny Tran & Pressefotos Düsseldorfer Schauspielhaus

Info – Deep Dive Düsseldorfer Schauspielhaus
Was ist Deep Dive? In der mehrteiligen Reihe Deep Dive steigen wir tiefer in Themen ein, die besonders spannend und relevant für Düsseldorf sind – wie das Düsseldorfer Schauspielhaus. Das Central hat im September seine Eröffnung gefeiert, neben vielen Events feierten gleich zwei Stücke Premiere:
Timm Thaler – oder das verkaufte Lachen von James Krüss und Das Floß der Medusa nach Georg Kaiser.
Außerdem hat Mike Litt den Chefdramaturg im Düsseldorfer Schauspielhaus besucht: Robert Koall. Unseren Podcast findet ihr unter Alle Rhein!.
Wir haben darüber hinaus die Schauspieler*innen Sophie Stockinger und Wolfgang Reinbacher getroffen.



