Suzusan – Ein Gespräch mit Hiroyuki Murase über Langsamkeit, Geduld & Handwerk

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„Unsere Produkte werden in rund 120 Stores in knapp 30 Ländern verkauft – von Tokyo über New York bis Mailand. Aber das kreative Zentrum von Suzusan ist und bleibt Düsseldorf.“

Suzusan ist die Brand von Hiroyuki Murase. In einem denkmalgeschützten Hinterhofgebäude in Flingern arbeitet er daran, ein über 400 Jahre altes japanisches Handwerk in die Gegenwart zu übersetzen. Als fünfte Generation einer Shibori-Familie aus Arimatsu in Japan verbindet er mit seinem Label Suzusan traditionelle Färbetechniken mit zeitgenössischem Design und kreiert Schals, Kleidung und Heimtextilien, die weltweit getragen werden. Sogar Madonna wurde kürzlich mit einem seiner Schals gesehen. Wir haben Hiroyuki Murase in seinem Atelier getroffen und mit ihm über Herkunft und Handwerk gesprochen – und über Düsseldorf als kreativen Raum.

Hiroyuki Murase steht am Eingang vor dem Atelier seines Labels Suzusan. Er trägt einen orangefarbenen Pulli, der in einer Art Batiktechnik gefärbt wurde.

Deine Familie arbeitet im japanischen Arimatsu seit fünf Generationen mit der Shibori-Technik. Wann hast du gemerkt, dass du dieses Erbe in deine eigene Zeit übersetzen willst?
Eigentlich wollte ich das Handwerk meiner Familie lange nicht übernehmen und habe stattdessen Bildhauerei studiert. Das führte mich vor über 20 Jahren aus Japan über London nach Düsseldorf an die Kunstakademie. Für mich war Shibori früher etwas aus der Vergangenheit, etwas, das meine Großmutter getragen hat. Erst als ich in Europa war und meinen Vater auf einer Messe in England unterstützt habe, habe ich gesehen, wie offen die Menschen darauf reagiert haben. Diese Distanz zu Japan hat mir gezeigt, welches Potenzial in dem Handwerk steckt – und dass es eine Zukunft haben kann, wenn man es neu kontextualisiert.

Karolina Landowski (li) und Hiro sitzen während des Interviews an einem Tisch im Atelier von Suzusan.
Karolina Landowski und Hiroyuki Murase im Gespräch.

Shibori ist für viele schwer greifbar. Kannst du den gesamten Prozess einmal beschreiben – von der Idee bis zum fertigen Stück?
Am Anfang stehen immer eine Idee und das Material. Ich wähle in Düsseldorf den Stoff aus, entscheide mich für Farben und skizziere Schnitte und Silhouetten. Danach beginnt in Japan der eigentliche Handwerksprozess. Der Stoff wird zunächst mit Schablonen markiert, dann per Hand genäht oder gebunden – das ist der Kern der Shibori-Technik. Anschließend wird er gefärbt, wieder geöffnet, gereinigt und freigemacht. Dieser Zyklus besteht aus sieben bis acht einzelnen Arbeitsschritten, die alle manuell ausgeführt werden. Allein das Färben eines Schals kann zwei bis drei Tage dauern. Rechnet man alles zusammen – vom Design über das Weben oder Stricken des Stoffes bis zum fertigen Produkt – das dauert mindestens sechs Monate.

Shibori ist ein Handwerk, das extrem viel Zeit beansprucht. Warum ist diese Art der Geduld, die damit einhergeht, heute so relevant?
Shibori ist das Gegenteil von Geschwindigkeit. Es ist ein Prozess mit über 200 Techniken, der Geduld verlangt und Erfahrung über Generationen hinweg. Alles passiert von Hand: markieren, nähen, färben, öffnen. Fehler gehören dazu, Überraschungen auch. In einer Zeit, in der alles sofort verfügbar ist, entsteht gerade dadurch ein anderer Wert. Jedes Stück ist ein Unikat. Handwerk braucht Disziplin und Zeit – es lässt sich nicht beschleunigen. KI kann sofort Antworten liefern, Maschinen können Dinge exakt reproduzieren, aber Handwerk funktioniert anders. Es ist nie identisch, und genau darin liegt sein Wert.

Was ist für dich der spannendste Moment im Prozess?
Der Moment, wenn der Stoff nach dem Färben geöffnet wird. Bis dahin weiß niemand genau, wie das Ergebnis aussieht. Es ist jedes Mal ein Experiment – dieser Punkt zwischen Kontrolle und Zufall ist für mich der spannendste.

Hiro erläutert das Verfahren Shibori anhand eines Pullovers mit einem Katzenmotiv.

Wo liegt der Ursprung von Shibori und wie hast du dein Label gegründet?
Shibori wurde ursprünglich ausschließlich für Kimonos verwendet, genauer gesagt für den sommerlichen Baumwollkimono Yukata. Über Jahrhunderte hinweg blieb die Technik eng mit diesem Kleidungsstück und mit Baumwolle verbunden. Als ich 2008 in Düsseldorf gemeinsam mit meinem damaligen Mitbewohner Suzusan gegründet habe, habe ich ganz bewusst mit einem einzigen Produkt angefangen: einem Schal. Dieser Schal war der erste Versuch, die traditionelle Shibori-Technik aus ihrem ursprünglichen Kontext zu lösen und in die Gegenwart zu übersetzen. Schritt für Schritt ist daraus eine gesamte Kollektion entstanden. Mittlerweile umfasst Suzusan nicht nur Schals, sondern auch Pullover aus Kaschmir und Alpaka, Hosen, Jacken und Röcke sowie Heimtextilien wie Decken und Kissen. Unsere Produkte werden in rund 120 Stores in knapp 30 Ländern verkauft – von Tokyo über New York bis Mailand. Aber das kreative Zentrum von Suzusan ist und bleibt Düsseldorf.

Man sieht Hiros Hand, die auf ein Foto auf dem Handy deutet, worauf man Madonna sieht, die einen Schal von Suzusan trägt.
Madonna trägt einen Schal von Suzusan.

Zwischen Arimatsu und Düsseldorf liegen Welten. Wie hat das deinen Blick auf das Handwerk verändert?
Ich lebe mein halbes Leben in Deutschland. Meine Mentalität ist heute halb japanisch, halb deutsch. In Europa wird stark über Präsentation, Kontext und Wahrnehmung gedacht, in Japan dagegen über handwerkliche Perfektion. Diese beiden Perspektiven zusammenzubringen, ist für mich essenziell – und Düsseldorf ist dafür ein idealer Ort. Die Stadt hat viele Gesichter: Sie ist japanisch, kreativ, musikalisch und zugleich eine Businessstadt. Genau diese Vielfalt macht Düsseldorf so besonders – gerade, weil es eine vergleichsweise kleine Stadt ist.

Spürst du hier ein besonderes Verständnis für japanische Ästhetik?
Ja, definitiv. Düsseldorf ist nicht nur oberflächlich japanisch, sondern sehr authentisch. Die große japanische Community, die Restaurants und Supermärkte – all das fühlt sich vertraut an und macht die Stadt sehr lebenswert.

Dein Hinterhof-Atelier in einer ehemaligen Backfabrik an der Ronsdorfer Straße ist ein besonderer Ort. Was bedeutet er dir?
Das Gebäude ist eine ehemalige Bäckerei und steht unter Denkmalschutz. Alles an diesem Ort erzählt Geschichte – die Böden, die Türen, die Griffe. Diese Atmosphäre passt perfekt zu Suzusan und unseren Produkten mit viel Zeit, Erfahrung und Handarbeit. Wir veranstalten regelmäßig Workshops, in denen wir die Shibori-Technik vermitteln und erlebbar machen. Außerdem habe ich nebenan einen kleinen Concept Store für außergewöhnliche Designobjekte aus Japan eröffnet.

Im Atelier von Suzusan steht ein Plattenspieler von Dieter Rams, der Schneewittchensarg, rechts daneben eine alte Holzleiter, links daneben zwei Barhocker, auf denen jeweils ein Tablett mit ausgewählten Büchern und Platten stehen.

Du bist in Düsseldorf auch kulturell stark vernetzt. Warum ist das wichtig?
Ich spiele gemeinsam mit einem japanischen Trompeter Gitarre in einer Band – wir bewegen uns zwischen elektronischem Ambient und Noise-Punk und treten zum Beispiel im Salon des Amateurs auf. Außerdem laden wir Künstler*innen zu Ausstellungen ins Atelier ein. Mode, Kunst und Musik gehören für mich zusammen – und Düsseldorf bietet dafür eine sehr offene Szene.

Im Atelier von Suzusan läuft eine Schildkröte frei herum.
Die Atelier-Schildkröte.

Wenn du Abstand von der Arbeit brauchst: Wo findest du Ruhe?
Ich gehe viel laufen, oft im Ostpark oder im Grafenberger Wald. Das Schöne an Düsseldorf ist, dass man sehr schnell von der Stadt in der Natur ist.

Deine persönlichen Tipps für Düsseldorf?
Zum Ausgehen mag ich den Salon des Amateurs oder das Velvet. Sushi esse ich am liebsten im Nagomi, vietnamesische Pho im Phox. Für Inspiration liebe ich das Museum Insel Hombroich – mein absolutes Lieblingsmuseum – sowie die Kunstsammlung NRW mit dem K20 und K21, die Sammlung Philara und Galerien wie Konrad Fischer und Sies + Höke. Für Musik stöbere ich gern bei Minty Vinyl, einem versteckten Plattenladen im Concept Store 69m² in Flingern.

suzusan.com

Info

Du hast Lust die traditionelle Färbetechnik Shibori auszuprobieren?
Hiroyuki Murase bietet im Atelier von Suzusan in unregelmäßigen Abständen Shibori-Workshops an. Hiroyuki führt dabei in die Historie von Shibori ein und vermittelt die Techniken.
Die Workshops werden in der Regel auf dem Instagram-Account angekündigt. Man sollte sich frühzeitig anmelden, da die Workshops schnell ausgebucht sind.
Weitere Informationen bei Instagram unter suzusan_official.

Text: Karolina Landowski
Fotos: Eugen Shkolnikow

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