Ulrike MeMeysemeyer trägt einen roten Rolli und stützt sich auf einen Stapel Bücher in der Werkstatt der Buchbinderei Mergemeier.

Buchbinderei Mergemeier – Ulrike Meysemeyer über Handwerk, Material & Haptik

Made in Düsseldorf

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„Veranstaltungen wie die Piano Days oder die Micro Pop Week sind für mich inspirierend. Es sind diese kleineren kulturellen Formate, die eine Stadt lebendig machen.“

Die Buchbinderei Mergemeier besteht seit 80 Jahren. Nur wenige Jahre nach ihrer Gründung zog die Werkstatt in einen Hinterhof an der Luisenstraße in Friedrichstadt. Die Buchbinderei ist dort bis heute zuhause. Alle Bücher werden einzeln von Hand gefertigt – aus Papier, Leinen und Leder, mit Werkzeugen, die von Jahrzehnten handwerklicher Praxis erzählen. Die Buchbinderei Mergemeier ist eine von zwei Werkstätten dieser Art in Düsseldorf und ein Ort, an dem Erinnerungen eine Form, einen Halt bekommen. Wir haben mit Geschäftsführerin Ulrike Meysemeyer über das Buchbindehandwerk, persönliche Geschichten in Büchern und die besondere Atmosphäre der Manufaktur gesprochen.

Zwei Stapel individuell angefertigte Bücher auf einem Arbeitstisch.

Frau Meysemeyer, Ihr Betrieb feiert in diesem Jahr sein 80. Jubiläum. Was bedeutet diese lange Geschichte für die Werkstatt?
Die Buchbinderei wurde 1946 von Heinz Mergemeier gegründet. Kurz danach zog der Betrieb in den Hinterhof der Luisenstraße 7, wo die Werkstatt bis heute ihren Platz hat. Über die Jahrzehnte hinweg hat sie sich immer wieder verändert, ist gewachsen, kleiner geworden und neu organisiert worden. Vor rund 25 Jahren kamen eine Galerie mit engem Kontakt zur internationalen Buchkunstszene sowie eine Restaurierungsabteilung hinzu, die ein wichtiger Bestandteil des Betriebs ist. So besteht die Werkstatt inzwischen aus mehreren Bereichen: dem klassischen Buchbindehandwerk, der Zusammenarbeit mit Buchkünstler*innen sowie der Restaurierung historischer Bücher und Objekte.

Frau Meysemeyer steht hinter einem großen Werkstatttisch mit einem querformatigen Buch, dessen Seiten ausklappbar sind.

Die Buchbinderei ist ein jahrhundertealtes Handwerk. Was fasziniert Sie daran persönlich?
Es ist unglaublich befriedigend, mit den Händen zu arbeiten und am Ende ein fertiges Buch in der Hand zu halten. Dieses Bedürfnis, etwas zu schaffen, ist etwas sehr Ursprüngliches. Und ein Buch ist ein besonderes Medium – es öffnet Räume. Je länger man in diesem Beruf arbeitet, desto neugieriger wird man, weil Papier, Leder, Leinen und all die Techniken schier unendlich viele Möglichkeiten bieten.

Wie sind Sie selbst zur Buchbinderei gekommen?
Es war ein Glücksfall. Ich habe bei Mergemeier meine Ausbildung gemacht, später in anderen Werkstätten gearbeitet und bin zurückgekehrt. Nach meiner Prüfung zur Meisterin bin ich Schritt für Schritt in den Betrieb hineingewachsen und habe schließlich die Geschäftsführung übernommen. Dieser Hinterhof ist zu meinem beruflichen Zuhause geworden.

In der Werkstatt: Ulrike Mersemeyer und Karolina Landowski (re) im Interview.

Ulrike Mersemeyer (li) und Karolina Landowski im Gespräch.

Welche Bücher entstehen gegenwärtig in Ihrer Werkstatt?
Das hat sich stark verändert. Früher waren Werbeagenturen, Druckereien oder Bibliotheken wichtige Auftraggeber. Heute kommen viele Privatkund*innen. Die digitale Welt ermöglicht es Menschen, ihre eigenen Biografien oder Chroniken zu schreiben und anschließend als individuelles Buch binden zu lassen. Dadurch ist ein sehr persönlicher Arbeitsbereich entstanden.

Erleben Sie gerade eine neue Wertschätzung für analoge Dinge?
Ja, viele Menschen suchen etwas Entschleunigendes. Ein eigenes Buch in den Händen zu halten, hat eine besondere Bedeutung. Es ist etwas Bleibendes in einer sehr schnellen, digitalen Welt. Bücher können Generationen überdauern.

Sind diese Aufträge oft emotional?
Sehr sogar. Hinter vielen Büchern stehen Erinnerungen oder Lebensgeschichten: Familienchroniken, Fotoalben oder Briefe. Manchmal sind es die letzten Feldpostbriefe eines Vaters, den die Kinder nie kennengelernt haben. Oder Korrespondenzen aus einer jüdischen Familiengeschichte, die für ein Museum erhalten werden sollen. Andere Projekte sind Liebesgeschenke oder Fotoalben – oder Bücher, die einen Heiratsantrag enthalten. Wenn ich die Geschichte hinter einem Buch kenne, kann ich Material und Gestaltung gezielt vorschlagen.

Wie individuell lässt sich ein Buch gestalten?
Alles beginnt mit dem Format. Wir beraten oft schon vor dem Druck, damit ein Buch eine eigene Form bekommt. Danach folgen Material und Gestaltung: Leinen, Papier oder Leder, glatte oder strukturierte Oberflächen, Prägungen und Farben. Kontraste können eine starke Wirkung haben – etwa ein ruhiger Einband mit zitronengelber Prägung oder klassische Töne kombiniert mit leuchtendem Pink. Auch Vorsatzpapier, Kapitalband oder Lesebändchen sind frei wählbar. Oft sind es gerade diese Details, die einem Buch seine Persönlichkeit geben.

Mit der Soirée Bibliomanie öffnen Sie die Werkstatt regelmäßig für Besucher. Was steckt hinter diesem Format?
Das sind kleine Ausstellungen in der Werkstatt, drei- bis viermal im Jahr. Sammler*innen und Buchkünstler*innen stellen ihre Arbeiten vor und sprechen über Inhalte, Techniken und die Entstehung der Werke. Der Buchbegriff ist dabei bewusst weit gefasst – von dem klassischen Künstler*innenbuch bis zur experimentellen Arbeit ist alles möglich. Es sind sehr persönliche Abende in kleinem Rahmen, bei denen man ins Gespräch kommt und Einblicke in die Welt der Buchkunst bekommt.

Was bedeutet Ihnen die Werkstatt als Ort?
Wenn ich morgens die Tür aufschließe, denke ich oft: Das ist ein guter Ort. Hier ist ein besonderer Spirit. Die Werkstatt ist mehr als ein Arbeitsplatz. Wir verbringen viel Zeit in der Buchbinderei, sind ein kleines Team, fast wie eine Familie. Was mich immer wieder erdet, sind die Materialien. Wenn ich Schubladen öffne und handgemachte Papiere sehe, bedruckte Oberflächen oder Blätter, die in Gold leuchten, entsteht sofort eine Ruhe. Dann überlege ich, welches Papier zu welchem Buch passen könnte, welcher Stil oder welche Zeit sich darin widerspiegeln soll. Viele dieser Materialien sind Unikate, mit eigens gefertigten Stempeln gedruckt. Das zu sehen und zu berühren, ist für mich nach wie vor etwas sehr Emotionales.

Der Eingang zur Buchbinderei, der in einem Hinterhof liegt. Man sieht links eine weiß getünchte Backsteinwand mit Fenster und umrankenden Pflanzen im Winter.

Wie würde Düsseldorf als Buch aussehen?
Ich denke an das Goldene Buch der Stadt, das wir binden und mitgestalten durften: ein großes Buch mit viel Raum. Ich würde mir wünschen, dass dieser Raum nicht nur für Prominenz da ist, sondern auch für die Bürgerinnen und Bürger. Für mich spiegelt dieses Gästebuch Düsseldorf gut wider – Tradition verbunden mit einem Schritt ins Moderne. Genau dieser Spagat prägt auch unsere Werkstatt.

Wo finden Sie außerhalb der Werkstatt Inspiration oder Ruhe in Düsseldorf?
Ich gehe sehr gerne an den Rhein. In einer Stadt am Wasser zu leben, hat für mich etwas Beruhigendes. Außerdem mag ich die kleinen kreativen Veranstaltungen in Düsseldorf, diese Subkultur aus Kunst und Musik. Vieles davon findet in Flingern statt. Ich mag die Galerie The Pool sehr. Auch der Künstlerverein Onomato oder Veranstaltungen wie die die Piano Days oder die Micro Pop Week sind für mich inspirierend. Es sind diese kleineren kulturellen Formate, die eine Stadt lebendig machen.

mergemeier.net

Wann findet die nächste Soirée Bibliomanie statt?

Du möchtest über Aktivitäten der Buchbinderei Mergemeier auf dem Laufenden bleiben? Dann folge der Manufaktur am besten auf Instagram. Neben dem eigenen Ausstellungsformat Soirée Bibliomanie ist die Buchbinderei bei Events wie Between Books aktiv, nimmt an der jährlich im Frühling stattfindenden Veranstaltung ManufakTour Düsseldorf teil und öffnet im Rahmen der Kunstpunkte ihre Werkstatt für Publikum.

Weitere Informationen bei Instagram unter buchbindereimergemeiergmbh.

Text: Karolina Landowski
Foto: Natasha auf’m Kamp

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