
Little Tokyo – Prof. Dr. Shingo Shimada über Klischees, die 70er Jahre und das multikulturelle Little Tokyo
„Wir setzen uns dafür ein, wegzukommen von einem statischen Bild von Kultur, um uns in den kulturellen Zwischenräumen zu begegnen, auf dass etwas Neues entsteht.“
Little Tokyo zählt zu den touristischen Hotspots in Düsseldorf, nicht nur am Japan-Tag. Shingo Shimada kam als Jugendlicher mit seinen Eltern an den Rhein. Es waren die frühen 70er, und der in Osaka geborene Schüler blieb auch, nachdem sein Vater nach einem dreijährigen Aufenthalt von seiner Firma zurück nach Japan beordert wurde. Bereits während der Schulzeit begann Shimada, als Dolmetscher zu arbeiten, was ihm später unter anderem zu einem Einsatz beim ersten japanischen Feuerwerk auf den Oberkasseler Rheinwiesen verhelfen sollte. In seiner akademischen Karriere galt das Hauptinteresse des promovierten Soziologen und langjährigen Inhabers des Düsseldorfer Lehrstuhls für Modernes Japan den kulturellen Wechselwirkungen, Unterschieden und Schnittmengen zwischen Japan und Europa. Nach seiner Emeritierung 2023 gründete Shingo Shimada den Verein Immermann Kultur e. V. Warum die Immermannstraße und Little Tokyo mehr sind als Düsseldorfs Japanzentrum und weshalb Klischees auch positive Seiten haben, erfahren wir im Gespräch mit ihm.

Wer in Düsseldorf zu Besuch ist und die Stadt in ihrer Besonderheit kennenlernen möchte, steuert neben der Altstadt auch Little Tokyo rund um die Immermannstraße an. Sie haben den Verein Immermann Kultur e. V. mitgegründet und sind dessen Vorsitzender. Was machen Sie?
Wir möchten Kulturarbeit leisten, die kulturelle Zwischenräume nutzt und Diversität sichtbar macht, und verbinden damit auch eine Abkehr von der Vorstellung nationalstaatlicher Kulturen. Hier die traditionelle japanische, dort die deutsche Kultur – das halten wir kulturtheoretisch für überholt. Dem tragen wir ganz praktisch Rechnung, aktuell mit einem Filmprojekt, einer Ausstellung und einem Kunstbuch. Die Stadt Düsseldorf steht für die Zusammenkunft verschiedenster Kulturen, und dadurch entstehen neue kulturelle Zwischenräume, insbesondere an einem Ort wie der Immermannstraße.

Immermann Kultur e.V.: Shingo Shimada (li) und Konstantin Plett bei einem Vortrag zum Thema Little Tokyo.
Sie hatten von 2005 bis 2023 den Lehrstuhl für Modernes Japan an der Heinrich-Heine-Universität inne. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit kulturellen Wechselwirkungen zwischen Japan und Europa, speziell Deutschland, und der Frage, wie eurozentrische Japanbilder auf Japans nationale Identität zurückwirken. Bezogen auf Düsseldorf ließe sich zugespitzt fragen: Inwieweit fußt Little Tokyo auf Klischees?
Die Klischees sind natürlich da, aber das ist nicht nur negativ – sie erleichtern den Zugang zur japanischen Kultur. Es wäre aber schade, wenn wir in diesen Klischees steckenblieben und sie weitertragen würden, ohne dahinter zu blicken.

Stand auf der DoKomi, Juli 2023. (Foto: Visit Düsseldorf)
Zum Japan-Tag am 23. Mai findet wieder ein Cosplay-Wettbewerb statt, im Zusammenwirken mit der DoKomi, Deutschlands größter Anime- und Manga-Convention mit zuletzt über 200.000 Besucher*innen. Deren Initiatoren sind Deutsche. Wie „japanisch“ ist die Manga-/Anime-/Cosplay-Kultur, die auch in Little Tokyo so präsent ist?
Für die mangaartige Darstellung finden sich faszinierende Vorbilder im mittelalterlichen Japan. Es gibt also traditionelle Wurzeln. Aber das heutige Manga ist nicht zu denken ohne die Disney-Filme der Nachkriegszeit und ihr Storytelling. Manga, das ist etwas Hybrides, in dem verschiedene kulturelle Einflüsse zusammenkommen. Und damit liefert Manga ein gutes Beispiel für das, was wir mit Immermann Kultur veranschaulichen möchten: dass das vermeintlich rein Japanische – oder Kultur überhaupt – oftmals hervorgeht aus kulturellen Wechselwirkungen, in einer Art Ping-Pong-Verfahren. Wir setzen uns dafür ein, wegzukommen von einem statischen Bild von Kultur, um uns in den kulturellen Zwischenräumen zu begegnen, auf dass etwas Neues entsteht.

Düsseldorf gilt als Zentrum der sogenannten japanischen Community in Deutschland, und sogar darüber hinaus. Wie stehen Sie zu dieser Zuschreibung? Kann überhaupt von einer japanischen Community gesprochen werden?
Schwierig. Bis Mitte der 70er Jahre gab es ein relativ einheitliches Bild. Ich kam 1972 als 15-Jähriger nach Deutschland, mein Vater arbeitete im Bereich der Containerschifffahrt und war von seiner Firma für drei Jahre nach Düsseldorf entsandt worden – wie ein Großteil der Japaner zu dieser Zeit. Alle waren also recht neu in Düsseldorf, und ich kann mich erinnern, dass dadurch eine Art Community entstand. Doch das Bild hat sich stark differenziert: Da sind nach wie vor diejenigen, die nur für drei bis fünf Jahre in Düsseldorf bleiben. Andererseits gibt es Leute wie mich, die ihren Lebensmittelpunkt fest in der Stadt haben. Es gibt die Gruppe der Studierenden an der Kunstakademie und der Musikhochschule, dann die, die zum Beispiel ein Restaurant betreiben oder andere Dienstleistungen anbieten, und so weiter. Dementsprechend ist nicht immer eine einheitliche Sicht auf die Dinge vorhanden. Anfang der 70er Jahre haben wir uns noch alle auf der Straße gegrüßt, auf Japanisch. Heute weiß man nicht mal mehr: Wer ist überhaupt Japaner*in? (lacht)
Sie waren bereits damals in Little Tokyo auf der Immermannstraße unterwegs?
Mit meinen Eltern besuchte ich ab und zu das Nippon-Kan (Das japanische Restaurant öffnete 1964 und schloss 2010./Anm. d. Red.) und wir kauften ein in den japanischen Lebensmittelläden an der Immermannstraße. Als Schüler habe ich im Nippon-Kan mal als Tellerwäscher gejobbt. Damals arbeiteten dort nur Japaner*innen.

Shingo Shimada im Benrather Schlosspark. (Motiv aus dem Projekt Erinnerungsarbeit I-V von Shingo Shimada im Rahmen von Neue Fotografie.)
Welche Schule haben Sie besucht?
Ich bin Absolvent Nummer zwei der japanischen Schule in Oberkassel und damit auch ein Stück Stadtgeschichte (lacht). Anschließend wollte ich Abitur machen und bin dafür in Deutschland geblieben, während meine Eltern nach drei Jahren wie geplant nach Osaka zurückgegangen sind.
Ganz schön mutig für Ihr junges Alter und bei der Entfernung.
Es war nicht einfach, aber ich hatte den Wunsch, es zu versuchen. In Japan gibt es ein anderes Schul- und Studiensystem, der Wiedereinstieg wäre kompliziert geworden. Zum Glück hat es geklappt, obwohl ich erst mit 15 begonnen habe, Deutsch zu lernen.
Sie sind dann weiterhin geblieben. Warum?
Ich überlegte, auf die Kunstakademie zu gehen, entschied mich aber dann zunächst für ein Studium der Linguistik und ging nach Münster, wo ich meine Frau kennenlernte.
Sie haben an verschiedenen Universitäten in Deutschland und zeitweise in Italien gelehrt, sind schließlich aber nach Düsseldorf zurückgekehrt. Wie deutsch oder düsseldorferisch fühlen Sie sich?
Zum Lokalen, also Düsseldorf, fühle ich mich schon zugehörig. Aber ich denke wenig in nationalstaatlichen Kategorien. Düsseldorf, NRW oder Rheinland, das ist mir am nächsten. Und wenn jemand fragt: Bist du Japaner oder Deutscher? Dann sage ich: weder noch. Es ist irgendwo dazwischen. Ab dem Moment, als ich herkam, begann ich zu reflektieren: Was ist meine Herkunftskultur und was ist die Aufnahmegesellschaft und Aufnahmekultur? Sich mit beiden Kulturen wechselnd auseinanderzusetzen, das ist typisch für Personen mit Migrationshintergrund. Und als solche fühle ich mich in Düsseldorf gut aufgehoben. Das ist leider nicht überall in Deutschland der Fall und das schätze ich sehr an der Stadt.

Gelebter Kulturaustausch: Der japanische Chor Düsseldorf bei einer Probe. (Foto: Uwe Kraft)
Was können Deutsche und Japaner*innen voneinander lernen?
Ich habe mich wissenschaftlich mit dem demografischen Wandel und dem Thema Altern beschäftigt und engagiere mich ehrenamtlich für das Demenzcafé Takarabako für Bürger*innen mit japanischen Wurzeln (immer montags im „Zentrum plus“ Oberkassel/Anm. d. Red.). Im September habe ich einer Delegation aus Japan in Düsseldorf einige Diakonieeinrichtungen gezeigt – die kommen hierher, nehmen Anregungen mit, und auch so entsteht eine bereichernde Beziehung. Auch mit Blick auf Umweltfragen ist Deutschland für Japan interessant. In Japan wiederum lernt man sehr früh, schon im Kindergarten, in kollektiven Situationen zunächst die Frage zu stellen: Was möchte der andere? Das würde dem einen oder anderen hier auch ganz guttun.
Wenn Sie in Düsseldorf kulturell etwas erleben möchten, wohin gehen Sie?
Im FFT, Forum Freies Theater, werden viele interessante Veranstaltungen geboten, genau wie im Tanzhaus NRW – beide Kulturstätten nutzen die Möglichkeiten kultureller Zwischenräume.

Soba-An: Tamaki Hamano bereitet Soba, Buchweizennudeln, vor. Sie ist eine der wenigen Soba-Meister*innen Europas. (Foto: Visit Düsseldorf/Kenny Tran)
Was wünschen Sie sich für die Immermannstraße beziehungsweise Little Tokyo?
Dass neben dem Japanbezug in den Mittelpunkt rückt, wie multikulturell die Immermannstraße eigentlich ist, mit ihren taiwanesischen, thailändischen und chinesischen Restaurants zum Beispiel. Es sind schon jetzt sehr viele Kulturen präsent, und dieses spannende Zusammenspiel unterschiedlicher Kulturen ließe sich stärker herausstellen. Ein lohnenswertes Projekt wäre auch, die Hintergründe der Esskultur Japans in ihrem Facettenreichtum vorzustellen. Essen wird auf der Immermannstraße sehr viel angeboten, dagegen wenig Wissen (lacht).
Weitere Informationen bei Instagram unter immermann_kultur.
Text: Eva Westhoff
Fotos: Immermann Kultur e.V. mit freundlicher Genehmigung von Shingo Shimada.
Weitere Fotos von Shingo Shimada aus dem Projekt Erinnerungsarbeit I–IV findet ihr unter neuefotografie.com.



