
Der Japanische Garten Düsseldorf – Wo Cosplay auf Tradition trifft
„Die Cosplayer*innen haben den japanischen Garten Düsseldorf wiederbelebt und ihn so entmystifiziert.“ Christian Tagsold
Location: Der japanische Garten Düsseldorf. Leise plätschert ein kleiner Bach in einen Teich, umringt von Kiefern, deren Kronen wolkenförmig am Himmel zu schweben scheinen. Im Teich schwimmen wohlgenährte Koi, über den Bach führt eine kleine Brücke, in deren Flucht auf einem kleinen Hügel ein steinerner Schrein mit sieben angedeuteten Pagodendächern steht. Was alles sehr nach Japan klingt, befindet sich in Düsseldorf. Genauer im Nordpark in unmittelbarer Nähe zur Messe und dem Rheinstadion. An sonnigen Wochenenden und vor allem rund um den Japan-Tag dient der japanische Garten Düsseldorf vielen Manga-Fans und Cosplayer*innen als Backdrop für Fotos.

Christian Tagsold, Japanologe & Experte für japanische Gärten.
An einem Montagvormittag hingegen geht es ruhig zu im japanischen Garten. Von der Brücke aus überblickt Professor Christian Tagsold die Szenerie. Der Japanologe von der Heinrich-Heine-Universität ist Experte für japanische Gärten, die japanische Diaspora in Europa und die Idee der besonderen Naturverbundenheit der Japaner*innen in kulturalistischen Diskursen. Seine These: Japanische Gärten in Europa dienen vor allem der Repräsentation des vermeintlich Eigenen in der Fremde. „Mit der Entstehung der japanischen Nation im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde der aristokratische Garten zum nationalen Symbol“, erklärt Christian Tagsold. Und diese Idee wurde schnell auch nach Europa getragen, dem Kontinent, an dem sich Japan wirtschaftlich und politisch in der Zeit der Meiji-Restauration1) stark orientierte. „Der erste japanische Garten in Europa wurde 1873 auf der Weltausstellung in Wien eröffnet“, sagt Tagsold. Sogar Kaiserin Sissi besuchte den ersten japanischen Garten Europas. Wie dieser der kaiserlichen Hoheit von englischen Parkanlagen gefiel, ist leider nicht überliefert. Mit dem Interesse und der Wertschätzung der japanischen Gärten im Westen wurden diese schließlich zum nationalen Symbol in Japan. „Es gab dann schnell eine Wechselwirkung: Der Zen-Garten zum Beispiel ist eine Erfindung aus den 1930er Jahren von der US-amerikanischen Autorin Loraine Kuck“, sagt Tagsold.

(Foto: Visit Düsseldorf/Markus Luigs)
„In Düsseldorf gab es bereits 1904 auf dem Areal des heutigen Rheinparks einen japanischen Garten, im Zuge der Internationalen Kunst- und Gartenbau-Ausstellung“, sagt Tagsold, der für seine Habilitation mehr als 70 japanische Gärten in Europa besucht hat. Als Vorlage für den Bau reichte eine Fotografie des kaiserlichen Gartens in Tokyo, die Planung übernahmen dann deutsche Gartenbauer. „So kam es auch, dass dort zum Beispiel anstatt einer für den japanischen Garten stilprägenden Laterne ein Vogelhaus zu sehen war“, sagt der Japanologe.

Christian Tagsold (li) & Clemens Henle im Gespräch.
Der zweite japanische Garten in Düsseldorf wurde viel später, in den 70er Jahren, aber dafür umso genauer geplant. „Über den japanischen Garten Düsseldorf wissen wir sehr viel, weil die Aktenlage und Dokumentation sehr gut ist“, weiß Christian Tagsold, der auch das Gutachten für den seit 2025 denkmalgeschützten Garten schrieb. Entstanden ist er aus einer Initiative der japanischen Gemeinschaft. Für den Bau setzte sich 1973 sogar der damalige japanische Premierminister Tanaka Kakuei während eines Staatsbesuchs ein. So wurde 1973 unter dem Dach der Japanischen Industrie- und Handelskammer Düsseldorf der Verein Japanischer Garten in Düsseldorf e.V. gegründet, um Spenden einzusammeln und die Planungen voranzutreiben.

„Hier setzt dann eben auch die Idee der kulturellen Repräsentation des vermeintlich Eigenen in der Diaspora ein“, erklärt Tagsold. Beim Bau war also vor allem wichtig, einen Eindruck von Japan und seiner Kultur zu geben. „Der Garten ist klar in seiner Entstehungszeit, den 1970er Jahren, verortet“, so Professor Tagsold. Als Beispiel nennt er die kleine Brücke über den Bachlauf, die in älteren japanischen Gärten noch aus gebogenem, rot lackiertem Holz gemacht worden wäre. Im Nordpark ist sie aber weniger auffällig aus flachen Steinplatten mit einer tiefen, steinernen Balustrade. So seien auch die Sitzgelegenheiten ein Zugeständnis an westliche Gärten und deren Nutzung. Als Architekt des Gartens fungierte der japanische Gartenbaumeister Iwaki Sentarō (1898–1988), der in Japan vor allem für die Gestaltung des Gartens im Luxushotel New Otani bekannt ist. Für den Bau des japanischen Gartens wurden über den Düsseldorfer Hafen rund 560 Tonnen Natursteine herbeigeschafft. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 1,9 Millionen DM, überwiegend aufgebracht von japanischen Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf. Am 24. Mai 1975 wurde der japanische Garten Düsseldorf feierlich eröffnet. Der damalige japanische Botschafter Akira Sono übergab die Anlage offiziell an den damaligen Oberbürgermeister Klaus Bungert als Geschenk der japanischen Gemeinschaft an die Landeshauptstadt. „Früher ist Iwaki auch nach der Einweihung noch regelmäßig in Düsseldorf gewesen, um nach dem Garten zu sehen“, sagt Christian Tagsold. Heute wird der Garten vom Gartenamt gepflegt, das den Garten in seiner Größe und charakteristischen Gestaltung seit 1975 weitestgehend unverändert erhalten hat.

Obwohl der ursprüngliche japanische Garten Düsseldorf von 1975 kaum verändert wurde, hat sich das Publikum stark gewandelt. Vor allem an sonnigen Tagen stürmen Cosplayer*innen den Park. Was für manchen Besuchenden ein Ärgernis ist, weil sie die Ruhe des Wandelgartens suchen, ist für Christian Tagsold eine Freude: „Die Cosplayer*innen haben den Garten wiederbelebt und ihn so entmystifiziert.“ Denn im japanischen Garten sind zahlreiche Codes verborgen. So symbolisiert die Insel im See eine Insel der Unsterblichen. Der See selbst orientiert sich an der Form des japanischen Schriftzeichens für Herz. Christian Tagsold erklärt, dass selbst in Japan nur noch wenige diese Codes lesen können. Die Cosplayer*innen wiederum schreiben dem japanischen Garten Düsseldorf auf ihre verspielte Art eine andere Bedeutung zu.

(Foto: Visit Düsseldorf/Markus Luigs)
„So ist der Garten am Ende etwas Besonderes, weil er uns viel über die Düsseldorf-japanische Beziehung erzählt“, sagt der Professor. Schließlich repräsentiert der Garten die einzigartige Migrationsstruktur Düsseldorfs: Die Stadt beherbergt nach London und Paris die drittgrößte japanische Gemeinschaft in Europa. Der Garten markiert daher den entscheidenden Moment, in dem diese Gemeinschaft sichtbar und dauerhaft Wurzeln in der Stadtgesellschaft schlug. Und bis heute das Stadtbild prägt, von Little Tokyo über Niederkassel, wo sich die japanische Schule befindet, bis hin zum japanischen Garten im Nordpark. Der Japanologe Tagsold, der auch in Japan gelebt hat, sucht übrigens eher abseits der ausgetretenen Pfade sein Stück Japan in Düsseldorf: „Am liebsten gehe ich ins Hyuga und vor allem Bistro Kombu in Benrath, weil ich dort um die Ecke lebe. Das ist eine wirklich gelungene Mischung aus Pommesbude und japanischem Imbiss.“
Weitere Informationen zum japanischen Garten Düsseldorf.
Was ist Meiji?
Man spricht von der Meiji-Zeit, die von 1868 bis 1912 dauerte. Die Ära geht auf den 122. Tennō von Japan zurück, der den japanischen Feudalstaat in eine moderne Großmacht überführte. Meiji bedeutet so viel wie: aufgeklärte Herrschaft.
Text: Clemens Henle
Fotos: Uwe Kraft



