Yurie, Inhaberin des japanischen Buchladens Takagi Düsseldorf, steht im Laden und hält ein aufgeschlagenes Buch in den Händen.

50 Jahre Takagi Düsseldorf – Zu Besuch in Europas ältester japanischer Buchhandlung

Interview

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„Die Buchhandlung meiner Eltern gehörte zu den ersten japanischen Geschäften an der Immermannstraße.“

Takagi Düsseldorf mitten in Little Tokyo an einem Samstag: eine Warteschlange bildet sich vor dem japanischen Buchladen von Yurie Takagi. Nicht nur vor den beliebten Ramen-Restaurants wartet eine internationale, bunt gemischte Menschenmenge auf Einlass. Nein, Takagi Düsseldorf lockt seit mittlerweile mehreren Jahrzehnten mit einer imposanten Auswahl Bücher und mehr. Books & More lautet der Zusatz auf dem Ladenschild über dem Schaufenster des etwa 100 Quadratmeter großen Stores. Das 50-jährige Bestehen gibt Anlass zur Rückschau: Yurie Takagi hat die Anfänge des japanischen Viertels in Düsseldorf erlebt und dessen Aufstieg zu Little Tokyo mitgeprägt. Bunt ist das Publikum, das heutzutage den Weg zu Takagi findet – für Manga-Fans ist der Laden ein Mekka. Ein Gespräch mit Yurie Takagi, die das Geschäft in zweiter Generation gemeinsam mit Lebensgefährte Stefan Böhm führt.

Als ich Sie im Vorfeld unseres Gesprächs zum ersten Mal kontaktierte, steckten Sie gerade mitten in den Vorbereitungen zum Rosenmontagszug. Eine Gruppe von 111 japanischen Mitbürger*innen ist diesmal mitgelaufen. Wie passt das Klischee der japanischen Zurückhaltung zum lauten rheinländischen Helau und Kamelle?
Die Möglichkeit ergab sich durch unseren Kontakt zur Karnevalsgesellschaft Büdericher Heinzelmännchen. Alle, die mitlaufen durften, hatten unheimlichen Spaß und waren sehr dankbar und glücklich. Aber die Japaner*innen feiern generell sehr gerne. Und die können feiern. (Lacht.)

Am 24. Mai ist wieder Japan-Tag in Düsseldorf. Welche Bedeutung hat das Event?
Ich glaube, es ist eine gute Gelegenheit, um sich mit der japanischen Kultur näher zu beschäftigen – sei es, dass man den Go-Spieler*innen über die Schulter guckt, Origami oder Ikebana ausprobiert oder sich mit den Leuten vom Kyudo-Verein1 vor Ort austauscht. Gleiches gilt für Veranstaltungen wie das Kirschblütenfest, das wir alljährlich im April in Meerbusch feiern, wo ich lebe. Veranstalter ist der Freundeskreis der Städtepartnerschaft Meerbusch-Shijonawate, dessen Vorsitzende ich bin.
1japanisches Bogenschießen

Sie haben den Buchladen von Ihren Eltern übernommen. Was hat Ihre Eltern ursprünglich nach Deutschland geführt?
Meine Mutter wäre lieber nach Amerika gegangen und mein Vater hatte wohl ein entsprechendes Angebot. Aber es hat sie Mitte der 60er Jahre doch nach Deutschland gezogen, auch weil der Bruder meiner Mutter in Hamburg lebte. Hamburg war damals der wichtigste Standort für japanische Unternehmen in Deutschland. Beschäftigt waren meine Eltern bei Overseas Courier Service. Die haben seinerzeit unter anderem Tageszeitungen und Kataloge aus Japan nach Deutschland transportiert.

Und wie sind Ihre Eltern auf die Idee gekommen, 1974 mit Takagi Düsseldorf die erste japanische Buchhandlung Europas zu eröffnen?
Die Tageszeitungen sind damals per Luftfracht aus Japan nach Hamburg gesendet worden, dann weiter per Post nach Düsseldorf. Es dauerte also ein paar Tage, bis die Zeitungen in Düsseldorf landeten. Der hiesigen japanischen Community ging das nicht schnell genug. Als Konkurrenz aufkam, wurde mein Vater von seinem Arbeitgeber nach Düsseldorf entsandt. Eines Tages bat der Geschäftsführer der Bank of Tokyo meinen Vater um Hilfe. Er wollte den aktuellen Titel der Bestsellerautorin Yamazaki Toyoko lesen und konnte ihn nicht besorgen. Somit nahmen die Dinge ihren Lauf: Die Leute waren hungrig nach japanischen Schriftzeichen, nach japanischer Literatur.

Erinnern Sie sich an die Immermannstraße Ihrer Kindheit?
Ja, natürlich. Früher war die Immermannstraße vierspurig, es fuhr noch keine Bahn. Meine Eltern sagen, es sei eine sehr dunkle Straße gewesen. Wenn man abends um halb sieben den Laden verlassen habe, sei nicht mehr viel losgewesen. Es war wohl schon ein bisschen tot. Aber wenn Sie heute hier rausgehen, dann ist das manchmal der Wahnsinn, was los ist.

Nahaufnahme vom DVD-Regal voller Animefilme.

Haben Ihre Eltern denn nicht den Standort an der Immermannstraße gewählt, weil bereits eine japanische Infrastruktur vorhanden war?
Nein, das war wohl Zufall. Takagi Books & More gehörte jedenfalls mit zu den ersten japanischen Geschäften an der Immermannstraße. Ob der Einrichtungsladen Kyoto gegenüber bereits existierte, weiß ich nicht genau. Nippon-Kan1 nebenan gab es schon, und dort aß man auch sehr gut. Mit dem Bau des Deutsch-Japanischen Centers kam das Hotel Nikko hinzu und das dort ebenfalls untergebrachte Kaufhaus Mitsukoshi sowie die Bank of Tokyo.
1Das legendäre Restaurant Nippon-Kan, dessen Kellnerinnen anfangs eigens aus Japan eingeflogen wurden, öffnete 1964 und schloss 2010. In den Räumlichkeiten befindet sich derzeit das Sushi- und Grillrestaurant Okinii. Das Deutsch-Japanische Center an der Immermannstraße/Ecke Charlottenstraße wurde in den Jahren 1972 bis 1978 von den Architekturbüros Hentrich-Petschnigg & Partner und Takenaka Associated Architects errichtet. Aus dem Hotel Nikko wurde 2022 das Clayton Hotel Düsseldorf.

Das Angebot von Takagi Düsseldorf richtete sich aber schon gezielt an die japanische Community.
Zu Beginn waren 99 Prozent der Kund*innen meiner Eltern Japaner*innen. Es gab bereits viele japanische Firmen 1, die in Düsseldorf ansässig waren. Takagi hatte einen Vertrag mit der großen japanischen Nachrichtenagentur Jiji Press. Sie bündelten alle relevanten Meldungen, die Europa betrafen, und schickten sie per Fax an meine Eltern, die sie dann wiederum an die Abonnent*innen faxten. Später gab mein Vater außerdem eine japanische Monatszeitung heraus: Das Leben in Europa. Für die Recherche war er selbst unterwegs. Und man konnte über die Deutsche Post telefonisch aktuelle Nachrichten aus Japan abrufen. Dafür besprach mein Vater täglich ein Drei-Minuten-Tonband.
1Laut der Japanischen Industrie- und Handelskammer (JIHK) waren 1969 bereits 77 Firmen in Düsseldorf registriert, mittlerweile liegt ihre Zahl bei über 400.

Zeitschriftenständer mit japanischen Magazinen.

Und die gedruckten japanischen Tageszeitungen, waren die tagesaktuell?
Zu Beginn gab es Verzögerungen. Später wurden die Tageszeitungen in Holland gedruckt und damit waren wir tagesaktuell. Sogar mehr als das: Durch die Zeitverschiebung hatten wir bereits am Abend die Ausgabe des nächsten Tages.

Die Digitalisierung ist wahrscheinlich ein Grund, warum sich das Angebot von Takagi gewandelt hat. Mittlerweile haben Sie außerdem sehr viele Kund*innen, die nicht aus Japan stammen. Wie hat sich das ausgewirkt?
Ja, auch immer mehr Nicht-Japaner*innen interessieren sich für Japan und japanische Literatur, insbesondere Mangas boomen. Neben vielen Titeln in japanischer Sprache finden Sie bei uns Mangas auf Deutsch. Japanische Literatur gibt es teils auch in englischer Übersetzung.

In Ihren Regalen sehe ich ein Sortiment aus Kochbüchern – für japanische und für deutsche Küche.
Ja, deutsche Küche für Japaner*innen und japanische Kochbücher für das deutsche Publikum. Ramen läuft seit Jahren sehr gut. Bei uns finden Sie auch deutsche Postkarten, neben Schreibwaren und einer Vielzahl an Merchandising-Artikeln rund um die wichtigsten Manga-Themen. Wir bieten aber auch japanische Schulbücher.

Man sieht einen Büchertisch und ein Package zum Manga zeichnen lernen.

Sie sprachen von einem Manga-Boom. Die Dokomi, eine Anime- und Manga-Convention, hat sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten zu einem Großevent mit 180.000 Besucher*innen entwickelt. Was ist an dem Manga-Kosmos so faszinierend?
Sie sagen es. Bei der ersten Dokomi waren wir als Aussteller dabei und haben die Jungs damals mit unserem Wissen ein bisschen unterstützt. Was die Manga-Kultur so anziehend macht? Ich glaube, dass man sich in eine andere Welt versetzen und seinen Wünschen und Träumen nachgehen kann. Gemeinsam mit der Dokomi veranstalten wir zum diesjährigen Japan-Tag übrigens wieder einen Manga-Zeichenwettbewerb, das hat bereits Tradition.

Wie kann man sich Ihre Jugend in Düsseldorf vorstellen? Waren sie eher in Diskos oder in japanische Izakayas?
Ich bin mit meinen deutschen Freund*innen durch die Altstadt gezogen, japanische Izakayas gab es zu der Zeit noch nicht. Meine japanischen Freundschaften endeten leider oft, wenn die Familien nach ein paar Jahren wieder nach Japan zurückkehrten.

Waren Sie auf der Japanischen Schule?
Nein, die Japanische Schule geht nur bis zur neunten Klasse, danach muss man sich wieder umschauen. Und da wir wussten, dass wir hierbleiben, haben wir uns direkt für die deutsche Schule entschieden. Ich habe später vier Jahre in Japan studiert und ein weiteres Jahr dort gearbeitet.

Was bedeutet Ihnen Little Tokyo?
Aus kulinarischer Sicht sind wir mit Little Tokyo wirklich in einem Traumland. Sie bekommen Ramen, Gyoza, Sushi, alles Mögliche – authentische japanische Küche. Gerade in Düsseldorf werden sehr viele Restaurants von Japaner*innen geführt. Es ist nicht bloß der Name japanisch. Das ist ein Qualitätsmerkmal. Dann sind da die Lebensmittelgeschäfte, wir haben Friseur*innen und natürlich die Einzelhändler*innen, die viel rund um japanische Kultur bieten. Für die japanische Gemeinschaft ist Little Tokyo das Zentrum.

Ihr Lebensgefährte hat keine japanischen Wurzeln. Wie wird bei Ihnen zu Hause gekocht?
Stefan, wie kochst du? (Alle lachen.)
Stefan: Europäisch.
Yurie: Traditionell japanisch kocht selbst meine Mutter nicht. Das hat schon auch europäische Einflüsse.

Wenn Sie japanisch essen gehen, dann ist das japanischer, als bei Ihnen zu Hause gekocht wird?
Also Sushi machen wir zu Hause nicht. (Lacht.)

takagi-books.de

Text: Eva Westhoff
Fotos: Uwe Kraft


Man sieht ein Taiyaki, das japanische Gebäck in Fischform, gefüllt mit einer grünen Matchafüllung und in die Kamera gehalten von zwei Frauenhänden.

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