Vivien Trommer, Sammlungsleiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, lehnt an einer Säule in einem großen Raum mit bodentiefen Fenstern und schaut raus.

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen – Sammlungsleiterin Vivien Trommer im Interview

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„Düsseldorf ist eine Stadt mit großer Strahlkraft.“

Vivien Trommer verantwortet als Sammlungsleiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die Bestände von K20 und K21 – und damit zwei der bedeutendsten Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst in Europa. Ihr Ansatz: bestehende Narrative hinterfragen, die Sammlung öffnen und neue Stimmen sichtbar machen. Trommer gehört zu jener Generation von Kurator*innen, die das Museum nicht als statischen Ort begreifen, sondern als lebendigen Raum für neue Perspektiven. Ausgebildet an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Städelschule und der Goethe-Universität Frankfurt, geprägt durch internationale Stationen in New York, Wien und Paris sowie ihre Promotion an der Universität zu Köln, verbindet sie wissenschaftliche Tiefe mit einem klaren kuratorischen Blick.

Man sieht zwei Frauen in einem großen Ausstellungsraum der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Im Interview berichtet Vivien Trommer, welche Bedeutung die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen international einnimmt, wie sie die Düsseldorfer Kunstszene vor ihrem Umzug wahrgenommen hat, warum Positionen wie jene von Anne Truitt eine zentrale Rolle für ihre Arbeit spielen und wie sich eine historisch gewachsene Sammlung heute diverser und zeitgemäßer erzählen lässt. Sie spricht über neue kuratorische Modelle – aber auch über ihre persönliche Sicht auf Düsseldorf, die schönsten Kunstorte und wie die Energie der Stadt sie für diese eingenommen hat.

Blick in einen Ausstellungsraum der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit verschiedenen Exponaten.

Ausstellungsansicht Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Foto: Achim Kukulies)

Sie stammen nicht aus Düsseldorf. Wie gut kannten Sie die Düsseldorfer Kunstszene, bevor Sie in die Stadt zogen?
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit ihrem internationalen Ausstellungsprogramm und ihrer hochkarätigen Sammlung hat mich schon immer fasziniert, daher bin ich auch vor meinem Umzug regelmäßig für die Eröffnungen im K20 und K21 in die Stadt gereist. Auch einige Protagonist*innen der hiesigen Kunstszene kannte ich bereits, vor allem Düsseldorfer Galerist*innen sowie Kurator*innen. Ich habe mich tatsächlich sehr gefreut, nach Düsseldorf zu ziehen – zumal die Stadt in den 60er-Jahren ein wichtiges Zentrum für konzeptuelle Kunst und die Minimal Art war.

Was verbindet Sie mit diesen Kunstrichtungen, waren sie ein Schwerpunkt Ihres Studiums?
Anlässlich meiner Promotion in Köln habe ich mich mit der US-amerikanischen Bildhauerin Anne Truitt befasst. Sie war eine Vorreiterin der Minimal Art – noch vor dem berühmt gewordenen Donald Judd hatte sie ihre erste Einzelausstellung in New York (Judd gilt als einer der Hauptvertreter der Minimal Art. //Anm. d. Red.). Man weiß, dass er diese Ausstellung besucht hat und sehr von Truitt beeinflusst wurde. Truitt war wegweisend für die damalige Zeit, ist aber in der späteren Rezeption marginalisiert worden. Im K20 zeigen wir nun bis zum 2. August 2026 ihre erste umfassende Retrospektive in Europa, eine wirkliche Entdeckung.

Foto des Studios von Anne Truitt in 1979. Es wird im Rahmen der aktuellen Anne Truitt-Ausstellung zu sehen sein.

Anne Truitts Studio im Jahr 1979. Zu sehen im Rahmen der aktuellen Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Welchen Ruf genießt Düsseldorfs Kunstszene jenseits der Stadtgrenzen?
Mit unserem Ausstellungsprogramm im K20 und K21 bringen wir internationale Kunststars nach Düsseldorf. Ausstellungen, für die man normalerweise nach London, Paris oder New York reisen müsste. Das wird auch über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus stark wahrgenommen und bringt die Stadt und ihre Kunstszene zum Strahlen. In unserer täglichen Arbeit sind wir eng mit Kulturschaffenden in Hongkong, New York, Paris, São Paulo oder Schardscha vernetzt – sowohl über den Leihverkehr der Sammlung als auch über unsere Ausstellungsprojekte.

Die Stelle der Sammlungsleitung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen wurde neu geschaffen – Sie sind die Erste, die diesen Job übernommen hat. Was hat Sie bei Ihrem Antritt erwartet?
Mit der Direktionsübernahme des Museums durch Susanne Gaensheimer 2017 bekam das Haus eine neue Vision: die Sammlung zu modernisieren und die Ausstellungen stärker mit der Sammlung zu verknüpfen. Die Sammlungsleitung durfte ich von meiner Vorgängerin Anette Kruszynski übernehmen. Sie hat die Sammlung über viele Jahre hervorragend betreut. Heute stellen wir uns die Frage: Wie kann man die Sammlung, die stark kanonisch, westlich und weiß geprägt ist, globaler gestalten, öffnen, weiterentwickeln und diversifizieren?

Vivien Trommer (links) und Ilona Marx von oben aufgenommen, während sie das Interview führen.

Vivien Trommer (li) und Ilona Marx im Gespräch.

Ist mit der Neuausrichtung auch die Möglichkeit verbunden, die Sammlung weiter auszubauen?
Ja, absolut, in den vergangenen Jahren konnten wir mit großzügiger Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen zahlreiche Ankäufe für die Sammlung realisieren, darunter befinden sich bedeutende Werke von Lygia Pape, Etel Adnan, Anna Boghiguian, Sonia Delaunay, Carmen Herrera, Isaac Julien, Louise Bourgeois, Helen Frankenthaler, Gabriele Münter, Mayo, Simone Fattal und Paula Modersohn-Becker. Unterstützung erhalten wir auch von den Freunden der Kunstsammlung, von denen wir großzügige Dauerleihgaben erhalten. Durch die zahlreichen Neuerwerbungen steht die Sammlung jetzt beispielhaft für die globale Geschichte der modernen Abstraktion und ist international eine der profiliertesten und vielstimmigsten Sammlungen der Moderne.

Wie zeichnen sich die neuen Schwerpunkte in der Sammlung ab?
Wir haben die einzelnen Säle nach ganz unterschiedlichen kuratorischen Ansätzen gestaltet. Sie folgen erstmals nicht einem einzigen Erzählstrang, sondern sind interaktiv, biografisch oder stilistisch geprägt. Andere fokussieren dekoloniale und feministische Perspektiven. Es ging uns nicht nur darum, die Sammlung zu diversifizieren, sondern wir wollten auch die Art und Weise, wie wir Kunst betrachten, erweitern. Dafür haben wir auch mit zwei lokalen Künstler*innen zusammengearbeitet – Anys Reimann und Peter Uka – und sie eingeladen, die Räume, in denen ihre Werke ausgestellt sind, selbst zu kuratieren. Dabei setzten sie ihre Kunst mit Werken der Sammlung – darunter Pablo Picasso und Francis Bacon – in einen ganz neuen historischen Kontext.

Man sieht ein Gemälde von Peter Uka.

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Ausstellungsansicht: Peter Uka.

Sie verfolgen bewusst das Ziel, weiblichen Künstlerinnen eine Bühne zu bieten. Erkennen Besucher*innen das?
Die Besucher*innen spiegeln täglich uns, dass diese Veränderung sichtbar und spürbar ist. Uns besuchen viele Schulklassen, und wir möchten, dass alle Kinder Möglichkeiten der Identifikation finden können. In der früheren, hauptsächlich weiß geprägten Sammlung war das nicht so gut möglich. Jetzt umfasst die Sammlung zahlreiche Werke nicht-westlicher Künstler*innen, die unterschiedliche Lebensgeschichten und Erfahrungen widerspiegeln.

Welches Projekt der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen verfolgen Sie aktuell mit besonderer Begeisterung?
Am 27. März haben wir im K20 die Ausstellung Anne Truitt. Pionierin der Minimal Art eröffnet. Es ist die erste Retrospektive der Künstlerin in Europa – zu ihren Lebzeiten hat sie ausschließlich in den USA und Japan ausgestellt. Sie wurde 1921, im gleichen Jahr wie Joseph Beuys, geboren und ist leider schon vor längerer Zeit, 2004, verstorben. Jetzt realisieren wir ihre erste große Europatournee gemeinsam mit dem Musée de Grenoble und dem Museo Reina Sofía in Madrid.

Ausstellungsansicht Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Foto: Achim Kukulies)

Wie schätzen Sie die Bedeutung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen für Deutschland und international ein?
Gerade durch ihre Sammlungen gehören das K20 und das K21 zu den meist geschätzten Museen Europas. Zu unseren Kooperationspartnern zählen die bedeutendsten Museen der Welt, das MoMA, das Guggenheim Museum, das Centre Pompidou oder die Tate Modern, mit der wir in der Vergangenheit erfolgreiche Ausstellungen wie Yoko Ono realisieren konnten. International besonders gefragt ist unsere Paul Klee Sammlung, die mit Abstand zu den besten in der Welt gehört. Aktuell arbeiten wir mit zwei Museen in Japan an der Realisierung einer großen Ausstellung, die ausschließlich auf Paul Klee Werken der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen basiert. Das ist für uns besonders spannend, denn der Ankauf von 88 seiner Gemälde im Jahr 1960 durch den damaligen Minister Franz Meyers legte den Grundstein für das Museum. Sie sind das Herzstück unserer Sammlung und prägen bis heute unsere Arbeit.

Sie sind für Ihre Aufgabe an der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf gezogen. Wie nehmen Sie die Stadt wahr, was hat Sie überrascht?
Mich überrascht bis heute, wie viele bedeutende Künstler*innen hier leben. Ich nehme Düsseldorf als eine sehr entspannte Stadt wahr, in der jede und jeder für sich allein und konzentriert arbeitet, aber in genau dieser Ruhe scheinen außergewöhnlich tiefgründige und besonders bedeutende Kunstwerke zu entstehen.

Sie sind in Berlin geboren. Ist Ihnen Düsseldorf nicht zu klein?
Düsseldorf hat für mich genau die richtige Größe: nicht zu groß und nicht zu klein – und es liegt zentral. Dank der Nähe zu den Niederlanden und Belgien kann man am Wochenende Ausflüge nach Antwerpen, Amsterdam oder Rotterdam machen.

Das angekündigte Art:walk Festival im Juni 2026 ermöglicht einen anderen Blick in die Kunstsammlung und lädt zu einer Nacht im Museum ein. Was erwarten Sie von dem Format?
Wir finden das Format großartig, weil es die Kunst- und Kulturlandschaft der Stadt einem breiten Publikum zugänglich macht. An einem Abend, an dem wir bis Mitternacht die Türen öffnen und auch viele verschiedene Programme angeboten werden, wird Kunst für viele Menschen erfahrbar sein.

Welche Düsseldorfer Galerien sind Ihre Favoriten, und welche überzeugen Ihrer Meinung nach auch international?
Eine sehr interessante Galerie, die mich immer begeistert, ist die von Lucas Hirsch in Flingern, ebenso Ruttkowski;68 vis-à-vis dem K20. Gleichzeitig verfolge ich die Programme von der Konrad Fischer Galerie, Linn Lühn, Sies + Höke, Van Horn und von Kadel Willborn.

Man sieht die riesige Skulptur einer schwarzen Maus auf einem klein wirkenden weißen Bett. Die Arbeit ist von Katharina Fritsche.

Ausstellungsansicht Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Katharina Fritsch: Mann und Maus von1991 (Foto: Achim Kukulies)

Was unterscheidet die Düsseldorfer Kunstszene von anderen Szenen?
Es gibt eine unglaublich engagierte Sammler*innenschaft und international renommierte Künstler*innen, die hier leben und arbeiten – von Katharina Fritsch, Andreas Gursky und Thomas Schütte bis hin zu jüngeren Vertreter*innen wie Noemi Weber, Mikołaj Sobczak, Nicholas Grafia, Anys Reimann oder Jana Schröder –, die Düsseldorf als ihren Lebensmittelpunkt gewählt haben und zugleich international aktiv sind. Darüber hinaus verfügt Düsseldorf über eine wunderbare Galerienlandschaft und ermöglicht das Neben- und Miteinander verschiedenster Institutionen. Kleinere Orte wie der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, die Kunsthalle Düsseldorf und das KIT finden ebenso wie die großen Häuser ihren Platz. Insgesamt findet man hier eines der ausgewogensten Verhältnisse, was die Kunst- und Kulturlandschaft betrifft. Es gibt auch extrem interessante Off-Spaces – wie die Rinde am Rhein.

Rinde am Rhein? Das klingt spannend.
Rinde am Rhein ist ein Kunstraum an der Kreuzstraße. Er wird von Christoph Wiedemann betrieben, einem Künstler, der an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat. Er nutzt den Ort, um junge internationale Künstler*innen in Düsseldorf zu zeigen, und ebenso, um einen Raum zu schaffen, der der lokalen Szene Möglichkeiten des Austauschs bietet.

Welche Ausstellung der letzten Monate hat Ihnen besonders gefallen?
Eine sehr wichtige, augenöffnende Ausstellung war für mich Queere Moderne, die meine Kollegin Isabelle Malz im K20 kuratiert hat, da sie einen völlig neuen Blick auf die Geschichte der klassischen Moderne erlaubte. Sehenswert ist auch die von der neuen Direktorin Gloria Hasnay kuratierte Ausstellung von Solomon Garçon im Düsseldorfer Kunstverein. Die Ausstellung setzt sich intensiv und analytisch mit den Gegebenheiten der Ausstellungsräume auseinander – und nimmt eine räumliche Transformation des Kunstvereins vor.

30. Mai bis 27. September 2026 im K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Jon Rafman. Main Stream Media von 2025. (Pressefoto mit freundlicher Genehmigung des Künstlers & Sprüth Magers, Los Angeles)

Auf welche anstehende Ausstellung freuen Sie sich?
Besonders freue ich mich auf die Ausstellung Jon Rafman. Main Stream Media ab 30. Mai 2026 im K21 und auf die Preisverleihung des vierten K21 Global Art Award am 8. Oktober 2026! Davor freue ich mich auf die Einzelausstellung von Adam Pendleton, die anlässlich der Art Düsseldorf in der Langen Foundation eröffnet wird – ein großartiger Künstler und ein echter Gewinn für die Region.

Wenn Freund*innen Sie in Düsseldorf besuchen: Welche Orte zeigen Sie ihnen?
Natürlich besuche ich mit meinen Freund*innen immer zuerst die Ausstellungen und Sammlung im K20 und K21, zeige aber auch sehr gerne die Langen Foundation und die Skulpturenhalle in Neuss; dort kann ich auch die aktuelle Ausstellung von Jane und Louise Wilson empfehlen – zwei Videokünstlerinnen, die in den 90er-Jahren bekannt geworden sind und – kuratiert von Juliane Duft – eine beeindruckende, zeitgemäße Foto- und Videoausstellung zeigen. Für mich gehört auch unbedingt ein Abstecher ins Café Biemel auf der Raketenstation dazu – ein wirklicher Hidden Gem, den man nicht verpassen darf.

Gibt es einen Ort oder ein Restaurant, das Sie besonders mögen?
Ich liebe das Velvet und das Forum in Bilk, in Oberkassel die Brasserie Hülsmann, OBK und das Greentrees – das sind die drei Orte, an die ich immer wieder zurückkehre, weil ich die Atmosphäre und die Menschen, die dort arbeiten und hingehen, besonders mag und schätze.

Wohin gehen Sie, um abzuschalten?
Im Sommer gehe ich sehr gerne ins Schwimmbad Lörick, dort kann man wunderbar zur Ruhe kommen. Außerdem liebe ich Spaziergänge am Rhein. Ich lebe in Oberkassel, und für mich gibt es kaum etwas Schöneres, als dort morgens am Fluss entlang zu joggen oder spazieren zu gehen.

kunstsammlung.de

Text: Ilona Marx
Fotos: Visit Düsseldorf/Kenny Tran & s. Credits

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