Juliane Rebentisch: Die Krise des Erhabenen
In der Reihe Fremder Planet spricht die Philosophin Juliane Rebentisch über den Begriff des Erhabenen. In der philosophischen Ästhetik steht der Begriff des Erhabenen für etwas überwältigend Mächtiges oder unermesslich Großes.
Mit Blick auf die Umweltkrisen der letzten Zeit scheint sich der Begriff des Erhabenen zunächst in zweierlei Hinsichten zur Aktualisierung zu empfehlen. Diese zwei Hinsichten entsprechen den zwei Seiten des Erhabenen bei Kant: dem Dynamisch-Erhabenen einerseits, dem Mathematisch-Erhabenen andererseits. Angesichts der unkontrollierbaren Gewalt der Extremwetterereignisse, von denen unsere Gegenwart immer häufiger erschüttert wird, scheint sich erstens die Assoziation des Erhabenen mit einer maßlosen Macht nahezulegen, wie sie das Dynamisch-Erhabene charakterisiert. Angesichts des Umstands, dass im Anthropozän Umwelten in ihrer das menschliche Fassungsvermögen tendenziell übersteigenden räumlichen und zeitlichen Ausdehnung thematisch werden, stellt sich zweitens die für das Mathematisch-Erhabene charakteristische Assoziation einer unermesslichen Größe ein. Man könnte sogar meinen, dass sich das Erhabene in einem „Hyperobjekt“ (Timothy Morton) wie der Erderwärmung potenziert, weil es die Eigenschaften des Mathematisch- und des Dynamisch-Erhabenen in sich vereint. Gleichzeitig jedoch untergräbt ein solches „Objekt” zentrale Bausteine einer Theorie des Erhabenen. Die Krise des Erhabenen macht sich unter anderem dadurch bemerkbar, dass in seiner Ästhetik immer deutlicher ein benachbartes ästhetisches Phänomen insistiert: das Unheimliche.
Über die Vortragsreihe: Globale ökologische und politische Herausforderungen prägen die Gegenwart, wir erleben eine rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und ein Revival der Raumfahrt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Phänomenen? Und was haben sie mit dem Wiedererstarken autoritärer Regierungsformen zu tun? Die Vorträge der Reihe untersuchen den Wandel des Bildes, das der Mensch von sich selbst und der Welt entwirft – bisher sprachen: Ulrike Haß, Jan Völker, Samo Tomšič und Goran Vranešević. (Quelle: FFT)